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Internationale Politische Ökonomie
Mit Beispielen aus Lateinamerika
Ao. Prof. Dr. Andreas Novy
Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien
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 up 2.2.5.4 Grenzdenken

2.2.5.4.1 Nutzen

Nutzen ist ein subjektives Empfinden - Glück, Befriedigung, erfüllte Wünsche etc. Lange Zeit gingen die Utilitaristen davon aus, Nutzen sei messbar. Demnach ist auch eine Sozialtechnik vorstellbar, die den größten Nutzen für die größte Zahl an Menschen produziert, wie dies Jeremy Bentham vor rund 200 Jahren vorschwebte. Dieses kardinale Nutzenkonzept, das von der Messbarkeit von Nutzen ausgeht, leidet darunter, dass es keine objektiven Maßstäbe gibt, Nutzen zu messen und den Nutzen, den verschiedene Personen erzielen, zu vergleichen. Wiewohl es naheliegt, dass ein Stück Brot für einen Hungernden mehr bedeutet als für einen Millionär, ist dies nicht "objektiv" feststellbar.

Valle do Pati, Brasilien

Darauf fußte der politische Gegenangriff der neoklassischen Ökonomie, die den gesellschaftlichen und objektiven Vergleich von Wohlbefinden als unwissenschaftlich bezeichnete. Der kardinale Nutzenbegriff wurde durch einen ordinalen ersetzt, der einzig auf individuellen, nicht aber gesellschaftlichen Vergleichen basiert. Fortan beschreibt der Nutzen einzig eine subjektive Befindlichkeit, während die Theorie der Gebrauchswerte und auch das utilitaristische Konzept des kardinalen Nutzens noch objektive Nützlichkeiten bewertete. Hierin wurzelt eine der wesentlichen Unterschiede zwischen der reinen und der politischen Ökonomie.

In der Neoklassik gibt ein Individuum sein Einkommen auf dem Markt aus und teilt dies so auf, dass der Nutzen maximiert wird. Offensichtlich gibt eine Konsumentin nicht ihr ganzes Einkommen für eine Güterart aus. Falls sie sich rational verhält, kauft sie von jedem Gut soviel, dass ihr eine Umschichtung ihrer Ausgaben von einem Gut zu einem anderen keinen zusätzlichen Nutzen spendet, d.h. sie maximiert ihren Gesamtnutzen durch Ausgleich des Grenznutzens.

Grenznutzen ist der Nutzen, den die letzte Einheit eines konsumierten Gutes spendet. Das Konzept des Grenznutzens erklärt das alte Rätsel vom Wasser und den Diamanten. Der Preis eines Gutes wird durch seinen Grenznutzen definiert, nicht durch seine Nützlichkeit.Überall dort, wo Wasser in reichem Maße vorhanden ist, ist sein Grenznutzen gering; der Grenznutzen von Diamanten ist dagegen wegen ihrer Seltenheit hoch. Dies erklärt auch die alltägliche Beobachtung, dass eine plötzliche Angebotsausweitung eines Gutes - z.B. Tomaten während der Erntezeit - im allgemeinen zu einer Preissenkung führt.

Im Grunde ist der Nutzen ein metaphysischer Begriff, muss er doch mit sich selbst definiert werden. Nutzen ist das Merkmal von Gütern, das bewirkt, dass Individuen diese kaufen wollen, und Individuen kaufen Güter, weil ihnen deren Konsum Nutzen spendet.

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