Macht und Wissen werden im Positivismus durch den Diskurs der Kompetenz strukturiert, der zwischen denjenigen, die über Theorie- und Methodenkenntnisse verfügen, und denen, die nicht ausreichend qualifiziert sind, unterscheidet. Erstere sind Subjekte, zweitere Objekte, erstere können Wissen produzieren, letztere bloß konsumieren. Es bildet sich ein hierarchisches Macht-Wissens-Feld. Wissenschaft als eine Form der Kommunikation unter Menschen stabilisiert auf diese Weise gesellschaftliche Hierarchien. Deshalb wird der Positivismus zu einer Art der Wirklichkeitskonstruktion, die bestehende Gesellschaftsspaltungen nicht nur ausblendet, sondern zum Teil sogar begründet.
ExpertInnen erforschen im Positivismus die objektive Realität für die Gesamtgesellschaft. Vermeintlich neutrale Sozialtechniken werden angewandt, um gesellschaftlich erwünschte Ergebnissen herzustellen. Herstellen von Gesellschaftszuständen ähnelt demnach dem Herstellen von Gebrauchsgüter. Die Wirtschaftswissenschaften bilden die Wirklichkeit möglichst korrekt ab, damit die Wirtschaftspolitik die richtigen Maßnahmen setzen kann.
Damit bleibt in dieser Arbeitsteilung Denken vom Arbeiten, Wissenschaft von Gesellschaft entkoppelt. Doch gleichzeitig wirkt die Wissenschaft – professionalisiert und kompetent – zur Gesellschaft zurück, um sich selbst und die bestehende Machtstruktur zu rechtfertigen. Wissenschaft ersetzte Religion, ohne aber die gesellschaftliche Grundstruktur des Macht-Wissens-Feldes aufzubrechen. Nur selten wurde die eigene Rolle selbstkritisch reflektiert und die tiefliegenden Hierarchien kritisiert. Im 20. Jahrhundert institutionalisierte sich das Wissen an den Universitäten und gleichzeitig kam es zur seiner fortgesetzten Instrumentalisierung. In dieser Dialektik der Aufklärung legitimiert die Vernunft gleichermaßen Wissen und Herrschaft. Eine Emanzipation aus dem hierarchischen Macht-Wissens-Feld bleibt eine Herausforderung. |