Friedrich August Hayek wird am 8. Mai 1899 in Wien geboren. Er studiert Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Wien und arbeitet am ‚Österreichischen Abrechnungsamt für Kriegsschulden‘, wo er mit wichtigen Vertretern der zweiten Generation der österreichischen Schule der Nationalökonomie zusammentrifft. Mit Ludwig von Mises, einem überzeugten Liberalen, gründet er nach einem Forschungsaufenthalt in den USA im Jahr 1927 das ‚Österreichische Konjunkturforschungsinstitut‘ (heute: Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung). 1929 habilitiert er sich an der Universität Wien und erhält wenig später eine Professur an der London School of Economics, wo er nicht nur ein deklarierter Gegenspieler von John Maynard Keynes, sondern auch einer der Hauptkritiker sozialistischer Strömungen wird (1944 erscheint sein Buch ‚The Road to Serfdom‘ - Der Weg zur Knechtschaft). 1947 gründet er in der Schweiz die ‚Mont Pèlerin Gesellschaft‘, eine Vereinigung liberaler Nationalökonomen und Intellektueller, der auch Milton Friedman angehört. Ab 1950 lehrt und forscht Hayek vor allem in den USA und in Deutschland. 1974 wird ihm, gemeinsam mit dem Sozialdemokraten Gunnar Myrdal, der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen.
Hayeks Wirken ist auch vor dem Hintergrund einer sich herausbildenden Dichotomie von Entwicklungsmodellen, nämlich der kapitalistischen Marktwirtschaften und der sozialistischen Planwirtschaften zu sehen. Zweifelte Hayek schon vor dem zweiten Weltkrieg Keynes‘ Lehren vom intervenierenden Staat an, so wurde er nach der Aufteilung der Welt in die sowjetische und US-amerikanische Einflusssphäre zum Verfechter eines Wirtschaftsliberalismus, der sich sukzessive zur sozialphilosophischen Strömung entwickelte. Seine große Angst war, dass sich auch Länder wie Schweden an ein planwirtschaftliches System annähern könnten. Hayek prophezeite von Anfang an die Unhaltbarkeit der Gesellschaftsordnungen in realsozialistischen Staaten.
Trotz der Zusammenfassung liberalen Gedankenguts in der ‚Mont Pèlerin Gesellschaft‘ beschreitet Hayek daher schon bald einen anderen und wesentlich fundamentalistischeren Weg als viele seiner Kollegen. Tritt er anfangs noch, wie sein liberaler Mitstreiter Walter Eucken, für eine rationale Organisation des Wirtschaftslebens ein, so gelangt er sukzessive zur Überzeugung, dass es anmaßend wäre, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen intentional gestalten zu wollen. Inspiriert von Konrad Lorenz ersetzt er die bislang in neoliberalen Kreisen vertretene erkenntnistheoretische Dualität aus Natur und Vernunft durch eine einheitliche Evolutionstheorie. In seinen Augen entstehen Wirtschaftsordnungen selbst evolutionär und dürfen daher nicht bewusst herbeigeführt werden.
Im Sinne eines autoritären Liberalismus geht es um den Erhalt des Statues quo, gleichbedeutend mit dem Schutz des Eigentums. Hayek liefert damit die theoretische Begründung für einen weitgehenden Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsprozess. Selbst die Regulierung des Wettbewerbs und das staatliche Geldausgabemonopol möchte er abschaffen, das Streben nach sozialer Gerechtigkeit stellt für Hayek keinesfalls ein legitimes wirtschaftspolitisches Ziel dar.
"Womit wir es im Falle der sozialen Gerechtigkeit zu tun haben, ist einfach ein quasi-religiöser Aberglaube von der Art, dass wir ihn respektvoll in Frieden lassen sollten, solange er lediglich seine Anhänger glücklich macht, den wir aber bekämpfen müssen, wenn er zum Vorwand wird, gegen andere Menschen Zwang anzuwenden. Und der vorherrschende Glaube an soziale Gerechtigkeit ist gegenwärtig wahrscheinlich die schwerste Bedrohung der meisten anderen Werte einer freien Zivilisation". (Hayek, 1981: Recht, Gesetzgebung und Freiheit, Bd. 2, Landsberg am Lech: 98)
Hayeks Ziel ist die Verwirklichung einer natürlichen individuellen Freiheit, verstanden als Abwesenheit willkürlichen Zwangs. Diese sei nur dann zu durchbrechen, wenn das neoliberale Projekt selbst gefährdet erscheint. In diesem Fall müsse man durchaus dogmatisch und doktrinär vorgehen. Hayeks Neoliberalismus bildet folglich einen klaren Kontrast zu einem politischem Liberalismus, der sich für BürgerInnenrechte und Demokratisierung einsetzt.
Obwohl die ‚Mont Pèlerin Gesellschaft‘ von Anfang an als politisches Projekt konzipiert war, dauerte es mehr als zwei Jahrzehnte, bis sich neoliberales Gedankengut realpolitisch gegen die vorherrschende keynesianische Analyse durchsetzen konnte. Den Weg dazu ebneten die Wachstumsflauten des fordistischen Entwicklungsmodells und die Ölpreisschocks der 1970er Jahre, gegen die keynesianisch fundierte Interventionen versagten. Als 1973 der chilenische Diktator Pinochet an die Macht kommt, wird unter der wirtschaftspolitischen Beratung Milton Friedmans erstmals autoritär-liberale Wirtschaftspolitik umgesetzt.
Literaturtipp: Dieter Plehwe, Bernhard Walpen (1999): Wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Produktionsweisen im Neoliberalismus. Beiträge der Mont Pèlerin Society und marktradikaler Think Tanks zur Hegemoniegewinnung und –erhaltung. Prokla 115
Es gibt auch eine eigene F.A. von Hayek Gesellschaft. |