Wissenschaft hat als eine ihrer Hauptaufgaben, das Bestehende, das vorhandene Wissen und den gesellschaftlichen Konsens in Frage zu stellen. Wissenschaft ist wesentlich Kritik, es obliegt ihr, Missstände zu kritisieren und Dissens zu produzieren. Sie legt die Unvollkommenheit des Bestehenden offen, denkt Neues und schafft Raum für Kreativität.
Kritik ist demnach der erste Schritt, um die Dinge besser zu machen, denn sie stellt einen Mangel fest und ruft den Wunsch hervor, es anders zu machen. Damit entstehen neue Möglichkeitsräume für das Handeln in der Zukunft, und es stellen sich zwangsläufig Fragen der Ethik, denn nicht alle möglichen Zukunften sind auch wünschenswert. Die Forschenden müssen reflektieren, das zu Erforschende mit den eigenen Vorstellungen in Beziehung stellen. Sie können nicht von Montag bis Freitag Entwicklungsprozesse untersuchen und sich dann Samstag und Sonntag dem privaten oder politischen Leben widmen. Die Forschenden sind selbst Teil dieser Prozesse, die Entscheidung darüber, was sie wie erforschen und auf welche Art sie dieses produzierte Wissen weitergeben, wird zum Teil des Entwicklungsprozesses. Theorie ist Praxis, und zwar unabhängig davon, ob dies TheoretikerInnen wollen oder nicht. Indem Denken als eine Form von Praxis gesehen wird, müssen die eigene Lebensführung und die eigene Wissensproduktion als verwoben erkannt werden. Im Kern geht es im Denken und Handeln darum, sich von Strukturen nicht vollständig bestimmen zu lassen und Gestaltungsräume für eine andere Praxis zu schaffen.
Was Menschen konkret denken und wollen ist bedeutsam, weil es ihr Handeln strukturiert. Es ist eine individuelle Konstruktion der Wirklichkeit, die aber wesentlich durch Andere beeinflusst ist. Diese Konstruktionen sind, auch wenn sie von vielen Menschen geteilt werden und zu sozialen Konstruktionen werden, keine Wahrheiten und Endpunkt der Reflexion, sondern einzig ein Moment einer dialektischen Analyse. |