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Internationale Politische Ökonomie
Mit Beispielen aus Lateinamerika
Ao. Prof. Dr. Andreas Novy
Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien
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3.6.3.4.4 Neubegründung der Ethik

Sich gegen die Herrschenden und gegen herrschende Strukturen seines Verstandes zu bedienen, ist nicht nur Aufgabe kritischer Wissenschaft, sondern jeder mündigen Person. Das ist äußerst schwierig! Das kann, um die heute übliche Sprachregelung zu verwenden, seinen Preis haben, kann Karriere oder Job kosten. Wie sonst sollen wir aber der von Kant beklagten selbstverschuldeten Unmündigkeit entkommen?

Michel Foucault geht es um eine „Neubegründung der Ethik“. Er untersuchte Machttechniken nicht, um Strukturen als allmächtig erscheinen zu lassen, sondern er beschrieb Folter, Wahnsinn und das Gefängnis, um Macht zu denunzieren. Foucault klagte an und wollte gleichzeitig Strukturen verstehen, um zu einem persönlichen Handeln zu kommen, das nicht ausschließlich von diesen Strukturen regiert ist. Es geht ihm darum, individuelle Selbstbestimmung angesichts struktureller Zwängesicherzustellen. In einer widersprüchlichen Welt ist diese Autonomie aber nicht die Fixierung auf die richtige Position, auf eine wahre Essenz, wie dies die verschiedenen Fundamentalismen anstreben. Wahrheit wird produziert und damit wird sie Teil von Machtauseinandersetzungen. Ethische Positionierungen erfordern eine strukturelle Analyse genauso wie eine individuelle Entscheidung. Sich auf die Seite der Unterdrückten zu stellen, wie dies die Intellektuellen der Arbeiterbewegung genauso taten wie engagierte ChristInnen in der Option für die Armen, ist eine derartige Positionierung. Handeln ist ohne Positionierung unmöglich, denn auch wer sich um Positionen drückt, hat sich entschieden: Der leichtere und normale Weg besteht darin, sich auf die Seite der Macht zu schlagen, was angesichts der Mächtigkeit von Strukturen nur allzu verständlich ist. Die Anziehungskraft von Macht wird gewährleisten, dass sie oder er – obwohl scheinbar ohne Position - im Dienste der Macht handeln wird. Umgekehrt heißt aber sich auf die Seiten der Unterdrückten zu stellen nicht, allen Benachteiligten immer Recht zu geben; sich auf die Seite der Arbeiterbewegung zu stellen, verbietet nicht die Kritik an der Gewerkschaftsführung – ganz im Gegenteil, aus Interesse an der Sache und deren Zielen verpflichtet dies zu besonders strenger Kritik.

Positionierungen, so radikal oder oppositionell sie scheinen mögen, sind nämlich immer gefährdet, in einem Essenzialismus zu enden, der entweder Sündenböcke schafft oder die Opfer verklärt. Dies hält dem Realitätstest oftmals nicht stand und wird dann schnell reaktionär. Ich unterstütze ein Straßenkinderprojekt finanziell, bin dann aber maßlos über die Kinder enttäuscht, wenn ich erfahre, dass eines meine Kamera gestohlen hat. Habe ich ein Recht, gekränkt zu reagieren? Sind Kinder, die stehlen, schlechte Menschen oder bloß Opfer schlechter Strukturen? Sind Dritte-Welt-AktivistInnen, die bestohlen werden, berechtigt, PartnerInnen im Süden nicht mehr zu trauen, oder trifft es bei AlternativtouristInnen ja eh keine wirklich Armen? Ist Fehlverhalten Unterdrückter entschuldbar, weil ja einzig die ungerechte Ordnung dafür verantwortlich gemacht werden kann? Ich meine, dass es auf jede Frage eine konkrete Antwort gibt – als Ergebnis ethischer Entscheidungen. Gleichzeitig wird es aber niemals ein allgemeingültiges Patentrezept dafür geben können, wie Individuen in konkreten Situationen mit den Widersprüchen und Perversionen der Welt umgehen.

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