Logo
Internationale Politische Ökonomie
Mit Beispielen aus Lateinamerika
Ao. Prof. Dr. Andreas Novy
Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien
Home
Sitemap
Vorherige
Nächste
 up 3 Sozialwissenschaften
 up 3.5 Macht
 up 3.5.1 Machtmechanik

3.5.1.1 Vom Kommunistische Manifest zum 18. Brumaire des Louis Bonaparte

Der Marxismus war die Theorie und die politische Bewegung, die ein mechanisches Gegenmachtmodell politikfähig machte. Glühende AntimarxistInnen kennen genauso wie BildungsbürgerInnen und GewerkschafterInnen die Sätze am Beginn des 150 Jahre alten Kommunistischen Manifests von Karl Marx und Friedrich Engels:

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker undUnterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“ (Marx, Engels 1986<1848>).

Diese Stelle aus dem Manifest wurde von BefürworterInnen und GegnerInnen gleichermaßen falsch verstanden. Sie wurde als wissenschaftlicher Text gelesen, und war in Wahrheit ein Pamphlet, geschrieben mit der Absicht, eine Wirklichkeit zu produzieren, und nicht so sehr, eine Wahrheit kundzutun. Es war ein Text mit Werbecharakter, eine Werbung für eine neue Bewegung – den Kommunismus -, deren historische Rolle es zu betonen galt und deren prognostizierter Sieg zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden sollte. Marx und Engels wollten Wirklichkeit produzieren, die LeserInnen sahen darin später jedoch ein Kochbuch, wie Revolutionen vor sich gehen – als lineare Abfolge von Kämpfen mit vorhersehbarem Ergebnis. Dies ist zwar analytisch falsch, politisch war das Gegenmachtmodell aber wirksam. 150 Jahre nach dem Erscheinen des Manifests hatte die Arbeiterbewegung den Kapitalismus verändert und breiteren Schichten Wohlstand gebracht. Auch hier gilt erneut: So falsch ein Modell auch ist, so geschichtsmächtig kann es in bestimmten Konjunkturen werden.

Das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels erschien 1844, es strotzt vor Siegesgewissheit. 1848 kam es zwar zur Revolution, gleichzeitig aber auch zu ihrer Niederschlagung. Es war die Niederlage, die Marx zu erneuter Reflexion nötigte. Die Umstände zwangen ihn, sein mechanisches Erklärungsmodell über Bord zu werfen. Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte zeugt davon. Es war nicht einfach das Proletariat, das durch das Kapital besiegt wurde; nicht einfach die Unterdrücker zwangen die Unterdrückten in die Knie. Eine Schlüsselrolle kam beispielsweise in Frankreich den Parzellenbauern zu. Sie erwarteten vom Staat den Schutz vor wirtschaftlichen Umwälzungen. Die zweite Stütze Napoleons III war das Lumpenproletariat (wir würden heute vom informellen Sektor sprechen), das ebenfalls einen starken Staat wollte, der nicht direkt vom Großbürgertum verwaltet wird. Beide an sich unterdrückten Klassen verbündeten sich mit Napoleon gegen Bürgertum und Proletariat. Der Klassenkampf endete mit der gleichzeitigen politischen Marginalisierung von Sozialisten und Liberalen. Detailliert beschreibt Marx diese Auseinandersetzungen, fern jeglicher Mechanik zeigt er das Zusammenspiel von Struktur und Handlung, wie Ereignisse bedeutsam sind und gleichzeitig ein Ereignis durch strukturelle Zwänge gleichsam das nächste heraufbeschwört.

Das populistische Bündnis des internationalen Kapitals mit den Allerärmsten und dem informellen Sektor ist auch im 21. Jahrhundert eine oft beobachtbare politische Strategie des Establishments. Die Liberalen scheiterten gegen Napoleon III kläglich. Sie waren nicht imstande, „die Herzen und Hirne“ der Menschen zu erobern, und ihre Macht abzusichern. Es ist daher kein Zufall, dass sich jeder real existierende Liberalismus, um erfolgreich zu sein, mit anderen Ansätzen verbindet, sei dies im Sozialliberalismus, der auf den sozialen Ausgleich oder zumindest ein Fürsorgemodell für die Ärmsten setzt, oder im autoritären Liberalismus, der einem starken Mann die Aufgabe zuweist, die Exzesse der Freiheit zu korrigieren.

Hilfe Seitenanfang
Home Sitemap Suche Bilder Vorherige Nächste

Letzte Aktualisierung dieser Seite:
Öffne externe Links in neuem Fenster?

© Copyright "Lateinamerika-Studien Online"