Logo
Internationale Politische Ökonomie
Mit Beispielen aus Lateinamerika
Ao. Prof. Dr. Andreas Novy
Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien
Home
Sitemap
Vorherige
Nächste
 up 3 Sozialwissenschaften
 up 3.6 Der didaktische Dreischritt
 up 3.6.2 SOLL: Konkrete Utopie
 up 3.6.2.2 Normative Entwicklungskonzepte
 up 3.6.2.2.1 Liberalismus
 up 3.6.2.2.1.4 Sozialliberalismus

3.6.2.2.1.4.3 Sozialliberales Handeln

Der Sozialliberalismus baut auf einer bestimmten Dialektik von Struktur und Handlung und der Verbindung von Universellem und Partikularem auf. Die ökonomischen Sachzwänge haben wir gleichsam aus der Vergangenheit geerbt, sie sind die Last der Geschichte, die wir zu tragen haben. Da die Geschichte aber als lineare Höherentwicklung mit der modernen kapitalistischen Zivilisation einen Endpunkt erreicht hat, ist dies auch nicht weiter besorgniserregend. Im Grunde sind die Menschen des 21. Jahrhunderts zu beglückwünschen, keine Generation vor ihr hatte so viele Waren zu Verfügung, so viele Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung.

Handlungsspielräume ergeben sich somit einzig aus dem Reagieren auf strukturelle Rahmenbedingungen, oder bildlich gesprochen auf die Ausgestaltung der Innenarchitektur ohne Möglichkeit, das Haus in seinen Grundfesten zu verändern. Die Ausgestaltung der Innenarchitektur kann nun Unterschiedliches bedeuten, und genauso können wir unterschiedliche Formen des Sozialliberalismus unterscheiden. Die reaktionäre Form des Sozialliberalismus leugnet, dass Raum produziert werden kann und beschränkt Handeln darauf, im bestehenden Raum das Auslangen zu finden. Zu diesem reaktionären Sozialliberalismus zählt das Schönreden, das Beschwichtigen und Vertuschen von Problemen. Der Schimmel an den Wänden wird einfach übermalt. Der schöne Schein zählt und nicht, ob die BewohnerInnen krank werden. Aber es gibt auch andere Sozialliberale, die die Probleme nicht nur mit schönen Worten übermalen, sondern auch Leitungen verlegen und manchmal sogar Wände verschieben wollen. Diese Sozialliberalen orientieren sich noch, bewusst oder unbewusst, an der Giddensschen Strukturierungstheorie, die dem Handeln strukturverändernde Fähigkeiten zuspricht. Weil aber der Sozialliberalismus die Marktordnung als über der Demokratie stehend akzeptiert, setzt die kapitalistische Marktwirtschaft den Handlungsmöglichkeiten enge Grenzen. Mitbestimmung und Gestaltung wird so nur im Kleinen möglich. Da der Sozialliberalismus unreflektiert dieses Wettbewerbsdispositiv(Glokalisierungsdispositiv) akzeptiert und sogar den neoklassischen Marktdiskurs aufgegriffen hat, kann er auch keine kritische Gesellschaftsanalyse mehr vornehmen. Strukturen, so wie sie die politische Ökonomie seit rund 200 Jahren beschreibt, werden aus den Augen verloren. Wenn aber das Wissen über die Struktur des Hauses fehlt, erscheint jegliche Reform als Hasardspiel. Die fehlende integrierte Analyse von Geld, Arbeitskraft, Wettbewerb und Natur verführte die Sozialliberalen dazu, allzu große Erwartungen in kleine Maßnahmen und Best-Practices zu setzen. So überschätzten auch kritische Sozialliberale die innenarchitektonischen Möglichkeiten und unterschätzten die Bedeutung der Gesamtarchitektur.

Sozialer Wohnbau in Sao Paulo

Das Leben im Bestehenden ist nicht immer schlecht. Alle Menschen schätzen Traditionen und Gewohnheiten. Jedoch würden wir uns nicht wirklich als EigentümerInnen eines Hauses sehen, wenn wir daran gehindert werden, in diesem Haus etwas zu verändern. Genau dies fordert aber der Sozialliberalismus. Die Welt, so wie sie vor uns steht, ist in ihrer Grundstruktur als eine nicht zu verbessernde Meisterleistung anzusehen. Daher wird es verboten, substanzielle Veränderungen in der Architektur des gemeinsamen Hauses überhaupt nur anzusprechen. Aber neuerdings gelten nicht mehr nur die, die das Haus zur Gänze neu bauen wollen, als revolutionäre UmstürzlerInnen. Selbst wer Wände verrücken will, gilt als verrückt, wer Hausordnungen ändern will als Umstürzler. Im Wettbewerbsdispositiv wird dieses Denk- und Handlungsverbot in eine glückliche Gefangenschaft umgedeutet: Innerhalb der vorgegebenen Regeln haben alle das Recht sich auszutoben, es sich gemütlich zu machen und, wenn gewünscht, sogar solidarisch zu handeln, indem sie spenden, bewusst einkaufen oder ehrenamtlich anpacken.

 down 3.6.2.2.1.4.3.1 Ideologie der Wissenden
 down 3.6.2.2.1.4.3.2 Projektkultur und fragmentiertes Wissen
 down 3.6.2.2.1.4.3.3 BEISPIEL: Die Fair Trade Bewegung
 down 3.6.2.2.1.4.3.4 BEISPIEL: Sozialliberale Umweltpolitik
Hilfe Seitenanfang
Home Sitemap Suche Bilder Vorherige Nächste

Letzte Aktualisierung dieser Seite:
Öffne externe Links in neuem Fenster?

© Copyright "Lateinamerika-Studien Online"