Interpretative Sozialforschung ist eine Form empirischen Forschens, die den Dualismus von Objektivismus und Subjektivismus überwindet, indem sie diesen in eine Dialektik überführt. Sie geht von einer objektiven Wirklichkeit aus, die von Subjekten gedeutet werden. Interpretative Sozialforschung basiert somit einerseits auf der Hermeneutik und andererseits auf der Dialektik.
Der Positivismus beharrt auf der Objektivität der uns umgebenden Welt, um Ansatzpunkte für Interventionen in die Welt zu finden. Die Postmoderne betont die Kontextgebundenheit sozialen Handelns und versucht, Besonderheiten, seien diese persönlicher, kultureller oder sozialer Natur, vor dem Zugriff einer vereinheitlichenden Logik zu schützen. In der interpretativen Sozialforschung werden beide Anliegen aufgegriffen und in eine Synthese übergeführt. An die Stelle des Entweder-Oder tritt das Sowohl-als-auch. Die Welt weist eine Unabhängigkeit von den Subjekten auf, die sich in ihr bewegen. Die Struktur dieser den Einzelnen äußerlichen Welt verstehen zu wollen, ist sinnvoll, wiewohl sich die Menschen bewusst sein müssen, dass all unser Beobachten interpretationsimprägniert ist, d.h. durchtränkt von Interpretationen: Es gibt die uns umgebenden Dinge nur als interpretierte Dinge. Sie werden durch die wahrnehmende Person miterschaffen und entstehen aus einer Wechselbeziehung zwischen den Sichtweisen der Menschen und ihrer jeweiligen sozialen und physischen Umwelt. Damit rücken die Sichtweisen der handelnden Personen und deren Lebenswelten in das Zentrum der Überlegungen. Wer gelernt hat, wie Geister das Wetter und das Kriegsgeschehen beeinflussen, der hat ein Beobachtungsschema im Kopf, das sensibel auf jegliche Wahrnehmung von Geistern reagiert. Wenn Einem das traditionelle Wissen sagt, dass Mondphasen das Pflanzenwachstum beeinflussen, hat dem Studium des Mondes besondere Aufmerksamkeit zu gelten. Geht im Krieg etwas schief, regnet es nicht oder kommt es zur Missernte, so liefert das eigene Ordnungschema auch schon Erklärungen und weist den Ereignissen einen bestimmten Sinn zu. Phänomene der internationalen Entwicklung konfrontieren Forschende mit fremden Ländern und Leuten, fremden Lebenswelten und unbekannten sozialen Prozessen. |