"Dialektik ist eine Methode des Denkens und der Interpretation, die eine Deutung der Welt -sowohl der Natur als auch der Gesellschaft - erlaubt. Als Methode, das Universum zu betrachten, geht die Dialektik von dem Axiom aus, dass sich alles ständig in Veränderung und im Fluss befindet. Mehr noch: Die Dialektik erklärt, dass Veränderung und Bewegung Widerspruch mit sich bringen und nur durch Widersprüche vonstatten gehen können. An Stelle einer glatten, ununterbrochenen Linie des Fortschritts handelt es sich um eine Linie, die durch plötzliche, explosive Zeiträume unterbrochen wird. In diesen Zeiträumen erleben langsame, angesammelte Veränderungen (quantitative Veränderungen) eine schnelle Beschleunigung, in der sich Quanität in Qualität umwandelt. Dialektik ist die Logik des Widerspruchs" (Woods, Grant 2002: 56).
"Alles fließt, alles ist einem beständigen Wandel unterzogen", meinte der griechische Philosoph Heraklit, der vor über 2000 Jahren einer der Vordenker der Dialektik war. "Es gibt nichts Dauerhaftes außer der Veränderung".
“Bei einem Fluss ist es nicht möglich zweimal in denselben hineinzusteigen”, meinte Heraklit. Ein Fluss ist etwas Beständiges, er ist da und dies über viele hunderte Jahre. Das Flussbett, die Steine im Wasser und die Pflanzen am Rande des Wassers bleiben gleich. Im Fluss fließt aber Wasser, das immer neu und damit anders ist. Es schwimmen jedes Jahr andere Fische, leben andere Tiere am Rande des Wassers. Steige ich heute in den Fluss, so ist seine Temperatur sicherlich anders als vor drei Monaten. Ein Fluss ist daher ständig gleich und anders, er ist ein lebendiges und anschauliches Beispiel für das Wechselspiel von Wandel und Beharrung, von Stabilität und Veränderung. Insofern ist der Fluss ein gutes Bild dafür, was das Wesen von Entwicklungsprozessen ist, nämlich die Dialektik von Wandel und Beharrung.
Gesellschaftliche Entwicklungen, insbesondere im Kapitalismus, sind Prozesse. Ihre Dynamik kann nicht mit einem statischen logischen Modell erfasst werden, sondern nur als Dialektik. Kapitalismus ist durch diese Dialektik von Beharrung und Entwicklung, von Fortschritt und Widerstand charakterisiert. Die einen wollen ihr Haus, ihren Garten und ihre Idylle erhalten, die anderen wollen Straßen und wirtschaftlichen Fortschritt bringen. Zwei Lebensweisen, zwei Weltsichten stoßen aufeinander. Auf die Frage, ob das Haus geschliffen werden soll, wird es keine einfache Antwort geben. Dass Wandel und Beharrung harmonisch Hand in Hand gehe, mag das Ziel von Entwicklung sein. Dies ist aber sicher nicht in einem sich selbst organisierenden Prozess möglich, wie dies von MarktfundamentalistInnen behauptet wird. Dazu wird es einer kollektiven Praxis bedürfen, die ohne eine handlungsanleitende Theorie kaum möglich erscheint. |