Denken ist auch eine Form von Praxis, und die Sprache beeinflusst unser Denken. Die Wissenschaftstheorie ist die Metatheorie, die darüber nachdenkt, wie Menschen Wissen produzieren und wie die Wissenschaft zu Erkenntnissen kommt. Die englische Bezeichnung philosophy of science zeigt das Naheverhältnis zu philosophischen Fragestellungen, wobei der Möglichkeit und den Grenzen von Rationalität und Objektivität eine besondere Bedeutung beigemessen wird.
Sich mit derartigen Fragen zu beschäftigen, ist wichtig für den Wissenschaftsbetrieb. Es ist aber in hochkomplexen, arbeitsteilig organisierten Gesellschaften für alle Akteure von großer praktischer Bedeutung, denn die kapitalistische Arbeitsteilung von Besitzenden und Nicht-Besitzenden reproduziert sich in der Gesellschaft als eine Arbeitsteilung zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden, zwischen ExpertInnen und Laien.
Das Ideal der Aufklärung, "sich seines eigenen Verstandes zu bedienen", bildet den Ausgangspunkt der Überlegungen, denn die Kritik am Positivismus ließ viele an der Rationalität als Maßstab der Gesellschaftsgestaltung zweifeln. Die stark postmodern geprägte Rationalitätskritik ist ernst zu nehmen, und gleichzeitig zu überwinden, da es keine andere Möglichkeit gibt, wie sich Gesellschaften demokratisch organisieren können, als eben basierend auf Vernunft. Aus der Gegenüberstellung von der gegensätzlichen Positionen von Positivismus und Postmoderne resultiert eine Synthese, die in diesem Fall die interpretative Sozialforschung ist. Eine Synthese universeller und partikulärer Erklärungen baut auf einem bescheidenen und selbstkritischen Verständnis von Vernunft auf. Vernunft ist demnach nichts anderes als die kollektive Anstrengung, die Welt gemäß gemeinsam festgelegter Regeln zu interpretieren. Dies ist auch ein Form von Praxis, wie uns von Hannah Arendt (1981: 317) mit einem Zitat von Cato in Erinnerung gerufen wird: "Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut, niemals ist man weniger allein, als wenn man in der Einsamkeit mit sich allein ist". |