"Das Wort "öffentlich" bezeichnet zwei eng miteinander verbundene, aber doch keineswegs identische Phänomene: Es bedeutet erstens, dass alles, was vor der Allgemeinheit erscheint, für jedermann sichtbar und hörbar ist, wodurch ihm die größtmögliche Öffentlichkeit zukommt. Dass etwas erscheint und von anderen genau wie von uns selbst als solches wahrgenommen werden kann, bedeutet innerhalb der Menschenwelt, das ihm Wirklichkeit zukommt ... Sobald wir anfangen, von Dingen auch nur zu sprechen, deren Erfahrungsort im Privaten und Intimen liegt, stellen wir sie heraus in einen Bereich, in dem sie eine Wirklichkeit erhalten, die sie ungeachtet der Intensität, mit der sie uns betroffen haben mögen, vorher nie erreicht haben. ... Dies läßt sich am besten daran exemplifizieren, dass die intensivste uns bekannte Empfindung, die Erfahrung starker körperlicher Schmerzen, deren Intensität alle anderen Gefühle auslöscht, gleichzeitig die privateste aller Erfahrungen ist; sie lässt sich schlechterdings nicht mehr mitteilen." (Arendt 1981: 49f).
"Der Begriff des Öffentlichen bezeichnet zweitens die Welt selbst, insofern sie das uns Gemeinsame ist und als solches sich von dem unterscheidet, was uns privat zu eigen ist, also dem Ort, den wir unser Privateigentum nennen. ... Die Welt ist vielmehr sowohl ein Gebilde von Menschenhand wie der Inbegriff aller nur zwischen Menschen spielender Angelegenheiten, die handgreiflich in der hergestellten Welt zum Vorschein kommen" (Arendt 1981: 52).
Hannah Arendts Buch "Vita Activa" ist eine glühende Verteidigung des Öffentlichen als des Raums der Politik. Nur dort kann sich der Mensch entfalten und seine Freiheit verwirklichen. "Das von Anderen Gesehen- und Gehörtwerden erhält seine Bedeutsamkeit von der Tatsache, dass ein jeder von einer anderen Position aus sieht und hört. Dies eben ist der Sinn eines öffentlichen Zusammensein, mit dem verglichen auch das reichste und befriedigendste Familienleben nur eine Ausdehnung und Vervielfältigung der eigenen Position bieten kann und der ihr inhärenten Aspekte und Perspektiven" (Arendt 1981: 56).
Die bürgerliche Öffentlichkeit, die sich mit dem Ende des Mittelalters herauszubilden beginnt, setzt sich ebenfalls ausschließlich aus Eigentümern zusammen (Habermas 1990). Diese werden zur literarischen Öffentlichkeit, indem sie über Literatur und Kultur diskutieren, und sie bilden eine politische Öffentlichkeit, indem sie sich im Parlament zu Wort melden oder in Kaffeehäusern Zeitungen lesen und diskutieren. Gleichzeitig entwirft der Liberalismus mit dem Markt ein ökonomisches Konstrukt, dass im Stande sein soll, aus der Summe von privaten Einzelinteressen das öffentliche Wohlergehen herzustellen. Der Markt als ökonomische Öffentlichkeit ist eine göttliche Maschine, die der menschlichen Kreativität nicht länger bedarf.
Die bürgerliche Öffentlichkeit gerät mit dem Aufstieg der Arbeiterbewegung und dem Aufkommen von Massenmedien und Parteien in die Krise. Neben die qualifizierte Öffentlichkeit der Wissenden und Besitzenden treten AkteurInnen, die auch den öffentlichen Raum der Politik zur Durchsetzung privater Interessen zu nutzen beginnen. Fortan ist der Kampf um die öffentliche Meinung der Kern der politischen Auseinandersetzung um Hegemonie, dort wird entschieden, wer imstande ist, die Herzen und Hirne der Menschen zu erobern. Die Konzentration am Medienmarkt und damit die Verbreitung spezieller Interpretationen der Welt, erleichtert es, die herrschenden Ideen zu den Ideen der Herrschenden zu machen. |