Das christliche Zeitverständnis beruht zum einen auf dem zyklischen Konzept der Ewigkeit, die zwar unendlich ist, in der aber Gott ständig gegenwärtig ist. Gott ist überall, zu allen Zeiten zugleich, er wird als simultan zu allen Zeiten gesetzt. Die Zeit ist somit eine gottgegebene Substanz der Natur und der Menschen. Es ist daher Sünde, Zeit zu messen oder schlecht zu nutzen. Diese substanzialistische Deutung der Zeit verhindert die Vorstellung, dass von Menschen über Zeit „verfügt“ werden kann, der wirtschaftliche Gebrauch von Zeit ist konsequenterweise geächtet, das Zinsnehmen und der Handel sind unstatthaft. Im mittelalterlichen Europa hatte die Gegenwart keine Eigenständigkeit. Es gab Geschichten, aber keine Geschichte. Die sozioökonomische Organisation des Mittelalters beruhte dementsprechend auf der Hauswirtschaft, wirtschaftliche waren von nicht-wirtschaftlichen Aktivitäten nicht trennbar. Es gab keine Vorstellung, dass Arbeitszeit von Lebens- und Freizeit zu unterscheiden sei. Der Wandel der europäischen Gesellschaftsorganisation nach dem 13. Jahrhundert untergrub das auf Ewigkeit beruhende Zeitverständnis des Mittelalters.
Das zweite christliche Zeitverständnis ist linear, ausgerichtet auf die Erlösung. Mit Augustinus hielt die Vorstellung Einzug, Geschichte sei ein Prozess. Dieses lineare Geschichtskonzept unterscheidet sich vom zyklischen Denken der ewigen Wiederkehr. Dem Heilsdenken folgend besteht Zeit nicht nur im Wechsel von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sondern auch im Weg hin zur eigenen Erlösung und der der ganzen Welt. In der Erwartung von etwas grundlegend Anderem und Besserem, das mit der Ankunft eines Messias verwirklicht wird, bekommt die Geschichte ein klares Ziel und einen klaren Höhepunkt. Dieses teleologische Weltbild wurde im 19. Jahrhundert mit Begeisterung von nicht-religiösen Weltanschauungen, insbesondere dem fortschrittsgläubigen Positivismus aufgegriffen. |