Als Wien vor über hundert Jahren diesen Urbanisierungsprozess durchmachte, war die Spannung zwischen Sein und Werden ein zentrales stadtplanerisches Problem. Auf der einen Seite stand Camillo Sitte, der in der Stadt Räume der Geborgenheit und des Dörflichen schaffen wollte. Plätze sollten zur Identitätsbildung in einem sich rasant wandelnden Umfeld beitragen. Heute würden wir sagen, die städtische Planung sollte kleinräumiges Community Building ermöglichen, Orte, an denen persönliche Beziehungen und soziale Netze im Kleinen geknüpft werden können.
Ihm entgegen stand Otto Wagner, Architekt der Gründerzeit, der die Stadt an die Erfordernisse der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung anpassen wollte. Funktionale Bauten und effiziente Verkehrswege standen bei seinen stadtplanerischen Überlegungen im Vordergrund.
Ein Jahrhundert später bestimmt die Dialektik von Sein und Werden erneut die stadtplanerischen Diskussionen. Weltweit findet eine Welle der Innenstadterneuerung statt. Heruntergekommene Innenstädte sind sowohl für BewohnerInnen und EigentümerInnen als auch für TouristInnen und Investoren ein Ärgernis. Die Innenstadterneuerung wird in einem Sein und Werden ausbalancierenden Diskurs genau in diesem Spannungsfeld zwischen dem auf der Tradition aufbauenden Raum und dem kommerzialisierten, für den Standortwettbewerb geeigneten Raum verortet. Die Festivalisierung der Innenstädte soll für Einheimische und für Gäste gleichermaßen attraktiv sein; die architektonische Erinnerung an die eigene Geschichte, die Betonung des besonderen kulturellen Erbes wird zur Vermarktung der eigenen Stadt genutzt. Das spezifische Sein der Stadt soll zu ihrem Werden, ihrem wirtschaftlichen Aufstieg, Wachstum, Arbeitsplätzen, neuen Fabriken und Neubauten beitragen. Dabei nützt das Kapital scheinbar unproduktive Aspekte der Stadt, wie ihre historisch-kulturelle Identität, verwinkelte Straßen und uralte Gebäude und verwandelt sie in das Besondere eben dieser Stadt. Auf diese Weise produziert das Kapital nicht-ökonomische Ressourcen, die für den Städtewettbewerb und den Städtetourismus von großer Bedeutung sind. Gleichzeitig verfestigen sich andere städtische Raumformen: Die obere Mittelschicht sondert sich in gated communities ab, die von Wachpersonal beschützt werden. So wird Geborgenheit in der Stadt geschaffen, die dem Primat des Werdens unterworfen ist, in der möglichst alles den Erfordernissen des Wachstums zu dienen hat. |