Die Erfassung der wirtschaftlichen Leistung pro Periode dient aber auch dem Zweck, die Entwicklung der Volkswirtschaft im Zeitverlauf besser erfassen zu können. Aus dem Vergleich des Bruttoinlandsprodukts zweier Jahre ermittelt man das Wirtschaftswachstum. Es dient einerseits als Indikator zur Beurteilung der aktuellen konjunkturellen Situation. Andererseits wird anhand des Wirtschaftswachstums auch die langfristige Leistungsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft beurteilt. Wichtige Determinanten des Wirtschaftswachtums sind im Sinne der ‚endogenen‘ oder ‚neuen‘ Wachstumstheorien neben der Ausstattung der Ökonomie mit den klassischen Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital auch der technologische Wissensbestand, an Personen gebundenes Wissen und die Innovationsfähigkeit der Unternehmen.
Sowohl BIP als auch Wirtschaftswachstum werden als wichtige Kennzahlen zur Beurteilung des Entwicklungsstandes von Ländern herangezogen. Diese Sichtweise wird heute vielfach kritisiert, weil einerseits das Berechnungskonzept selbst viele Unzulänglichkeiten aufweist und andererseits Wachstum keinesfalls mit Entwicklung gleichgesetzt werden kann. Die Berechnung des BIP als (ökonomisches) Wohlfahrtskonzept ist zu breit angelegt, weil es auch Produktionsleistungen erfasst, die zur Reparatur der negativen Effekte von Wirtschaftswachstum nötig sind (z.B. Korrektur von Umweltverschmutzung). Gleichzeitig ist es zu eng, weil zahlreiche Aktivitäten, wie Hausarbeit und Schwarzarbeit nicht miteinbezogen werden. Da die Größe des informellen Sektors von Land zu Land variiert, wären Vergleiche nur begrenzt zulässig. Allerdings bemüht man sich schon seit längerem um eine statistische Bereinigung dieser Mängel.
Es gibt aber noch zwei fundamentalere Kritiken am Wachstumsparadigma. Die eine kommt von der ökologischen Seite und besagt, dass das Aufkommen an natürlichen Ressourcen begrenzt ist und daher unbeschränktes quantitatives Wachstum nicht mehr lange möglich sei. Es ist daher an der Zeit, zu einem neuen, ‚nachhaltigen‘ Entwicklungsmodell zu finden, in dem Innovationen auf eine weitere Steigerung der Wohlfahrt bei reduzierter Ausbeutung der natürlichen Umwelt abzielen. Die andere Kritik kommt aus entwicklungsökonomischer Richtung und besagt, dass die Produktionsleistung nicht unmittelbar mit dem Entwicklungsstand korreliert, zielt doch Entwicklung auch auf Demokratisierung, Gerechtigkeit, soziale Sicherheit, Selbstverwirklichungschancen etc. ab. Im Sinne des Nobelpreisträgers Amartya Sen kann das letzte Entwicklungsziel nur die größtmögliche Freiheit des Menschen sein. Sen spricht von fünf Arten instrumenteller Freiheiten, die die Verwirklichungschancen von Individuen fördern und erweitern können. Diese sind politische Freiheiten, ökonomische Einrichtungen, soziale Chancen, Transparenzgarantien und soziale Sicherheit. |