Die Industrialisierung der lateinamerikanischen Länder ist nicht aus politisch überlegten Maßnahmen entstanden, vielmehr ist sie ein indirektes Ergebnis der großen Depression der internationalen Märkte des primären Sektors, die mit der Krise von 1929 den Anfang nahm.
In einer ersten Phase nahm die Industrialisierung Lateinamerikas die Form der Substitution von Importen an. Die Investitionen zielten auf eine Diversifikation der Produktionsstruktur, um die vom unzureichenden externen Angebot offen gelassenen Lücken mit dem internen Angebot zu füllen. Da es unausgelastete Produktionsfaktoren gab, trugen die neuen Industrien zu einer Steigerung des Sozialproduktes bei, auch wenn die industrielle Produktion im internationalen Vergleich relativ teuer war. Die Industrialisierung durch Substitution, bei der die externe Konkurrenz durch die reduzierte Importfähigkeit eliminiert wurde, ermöglichte es den internen Herstellern, eine Hochpreispolitik zu praktizieren. Die von Beginn an in privilegierten Positionen installierten Substitutionsindustrien versuchten in den Folgephasen stets, diese Positionen zu behalten.
Eine weitere grundlegende Ursache für die Besonderheit der Industrialisierung Lateinamerikas liegt darin, dass sie zu einem Zeitpunkt erfolgte, zu dem sich die verfügbare Technologie systematisch an der Einsparung von Arbeitskräften orientierte. Wenn es auch vorteilhaft ist, über eine bereits ausgereifte und erprobte Technologie zu verfügen, darf nicht übersehen werden, dass eine importierte Technologie nicht dasselbe ist wie eine technologische Innovation, die aus dem Entwicklungsprozess selbst geboren wird.
Sei es, weil die in den internationalen Märkten verfügbaren Ausstattungen Technologie aus industrialisierten Ländern beinhalteten, sei es, weil die Unternehmen der unterentwickelten Länder von transnationalen Unternehmen abhängig waren, das Endergebnis ist und bleibt dasselbe: die unterentwickelten Länder folgten den Technologiemodellen der industrialisierten Länder. Als Konsequenz blieb der Überschuss an Arbeitskraft – die Unterbeschäftigung – mit der Industrialisierung der Peripherie unverändert oder neigte dazu, zuzunehmen. Es ist diese Unfähigkeit, die zweite Phase der kapitalistischen Entwicklung zu erreichen – die Phase, in welcher die sozialen Strukturen dazu neigen, sich auszugleichen – die für die aktuelle Unterentwicklung ausschlaggebend ist.
Furtado erklärt die Unterschiede zwischen Unterentwicklung und Entwicklung auf der sozialen Ebene folgendermaßen:
“Die Urbanisierung, die parallel zur Industrialisierung derjenigen Länder, die den modernen Kapitalismus anführen, erfolgte, verursachte die Bildung von Gesellschaften, die in Klassen strukturiert sind, die gleichzeitig sowohl antagonistische als auch komplementäre Interessen aufweisen. Der Kampf um Gehaltserhöhungen wurde in kurzer Zeit zur Bedrohung der Interessen der Kapitalisten. Dieser Druck bewirkte als Antwort auf technologischer Ebene eine Erhöhung der Produktivität. Auf diese Weise setzte dieser Antagonismus Kräfte frei, die zu dessen Überwindung führten. Im Bewusstsein dieses Sachverhalts nahm die kapitalistische Schicht den Vorteil wahr, den Konfrontationsprozess zu institutionalisieren, was durch die Anerkennung und die Reglementierung des Streikrechtes und anderen Änderungen der politischen Institutionen mit dem Ziel, sie an die Erfordernisse der neuen sozialen Dynamik anzupassen, erfolgte."
Die Urbanisierung der Länder mit einer verzögerten Industrialisierung war durch ein bestimmtes Phänomen gekennzeichnet:
"Es erfolgten komplexe Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur, wie die Zunahme der Außenhandelstätigkeiten, der Fortbestand vorkapitalistischer Organisationsformen am Land, das Eindringen moderner Technologien in einigen Agrarsektoren und eine extreme Konzentration der Einkommen, die durch die importsubstituierende Industrialisierung noch weiter verschlimmert wurde, die relative Zunahme staatlicher Betätigungen und die Beschleunigung des Bevölkerungswachstums. Der Druck, den diese heterogene urbane Masse ausübte, um ihre Beteiligung an den Erträgen zu erhöhen, ist ein Phänomen, das sich vom Verhalten der in den modernen Produktionssystemen eingefügten Arbeiterschichten unterscheidet. Als Folge strebten die Massen der unterentwickelten Länder Zugang zu Beschäftigungen an, die das moderne Produktionssystem nicht zu schaffen in der Lage war."
Es erklärt sich somit, dass in den industrialisierten kapitalistischen Ländern die durch Konflikte rund um die Verteilung der Einkommen verursachten sozialen Probleme einer Lösung zugeführt werden konnten, die durch den technologischen Fortschritt selbst erleichtert wurde, in anderen Worten, durch die Verbreitung der Kriterien der instrumentellen Rationalität. Hingegen schuf in den unterentwickelten Strukturen die Form, unter der die moderne Technologie Eingang fand, Probleme mit großen Auswirkungen auf der sozialen Ebene. Die Lösung dieser Probleme kann nur politischer Natur sein, einschließlich der Berücksichtigung von Standpunkten im Hinblick auf unterschiedliche Werturteile. Damit bekam die verzögerte Industrialisierung eine Dimension von großer institutioneller Instabilität.
In den industrialisierten Ländern garantieren die Marktkräfte im Prinzip das Wirtschaftswachstum, sodass sich der Staat auf die Ausübung von regelnden makroökonomischen Funktionen beschränken kann, in den unterentwickelten Ländern bedarf das Wachstum fast immer struktureller Veränderungen, d. h. eines komplexeren Verhaltens des Staates. In den unterentwickelten Ökonomien operiert der Markt der Produktionsfaktoren im Sinne der Erhöhung der Konzentration der Einkommen, da es in der Zivilgesellschaft keine Kräfte gibt, die sich dieser Tendenz widersetzen könnten. Es muss erkannt werden, dass hier nur der Staat zwischen Akkumulation und Verteilung entscheiden kann. Er agiert in die eine oder die andere Richtung, gemäß der sozialen Kräfte, die ihn kontrollieren. |