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Internationale Politische Ökonomie
Mit Beispielen aus Lateinamerika
Ao. Prof. Dr. Andreas Novy
Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien
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 up 2.3.7.3 Celso Furtado

2.3.7.3.3 Strukturalismus und Abhängigkeit

Furtado erkennt für seine intellektuelle Ausbildung einen dreifachen Einfluss an:

  • den Positivismus, der Vertrauen in die empirische Wissenschaft als Werkzeug für die Entdeckung der Geheimnisse der Natur ermöglicht;
  • Marx, der das wissenschaftliche Wissen in einen sozialen Kontext einbettete
  • die US-amerikanische Soziologie, über Vermittlung von Gilberto Freyre, dessen Werk Casa Grande e Senzala ihn in die Lage versetzte, die kulturelle Dimension des historischen Prozesses zu erkennen.
Von diesem dreifachen Einfluss ausgehend beginnt sich der Forscher Furtado in folgende Problematik bzw. Wahlmöglichkeit zu vertiefen: Soll man zulassen, dass alleine der Markt mit seiner Kraft und Dynamik den Gang der Wirtschaft bestimmt oder eine Wirtschaftspolitik gemäß der Bedürfnisse und unter der Mitarbeit der sozialen Akteure ausarbeiten?

Furtado beharrt darauf, dass die Antworten auf diese Fragestellung nicht unabhängig sind von der Identifizierung der sozialen Kräfte, die die strategischen Entscheidungen kontrollieren. Es handelt sich nicht um ein ausschließlich wirtschaftliches Problem, wie Furtado in einer vor kurzen veröffentlichten Auftragsarbeit für die Weltbank eindringlich betont: “In meinen Bestrebungen, die Geschichte als Wirtschaftswissenschaftler zu befragen, bin ich bald zur Überzeugung gelangt, dass die Konzepte, auf die ich mich stützte, Ergebnis der Beobachtung der sozialen Strukturen waren, die mit dem industriellen Kapitalismus entstanden sind. Das Verstehen der auf der internationalen Expansion des Kapitalismus gegründeten sozialen Strukturen zwingt zu einer kritischen Einschätzung dieser Rahmenbedingungen der Begriffsbildung.

Der ökonomische Strukturalismus zielt hauptsächlich auf die Berücksichtigung der “nicht–wirtschaftlichen Parameter” der makroökonomischen Modelle. Da das Verhalten der wirtschaftlichen Variablen zu einem großen Teil von solchen Parametern abhängt, müssen diese Parameter Gegenstand sorgfältigen Studiums sein. Diese Beobachtungen sind für in sozialer wie technologischer Hinsicht heterogene wirtschaftliche Systeme, wie dies bei unterentwickelten Wirtschaftssystemen der Fall ist, besonders relevant.

“Ohne eine gründliche Analyse der Agrarstruktur können weder die Tendenz zur Konzentrierung der Einkommen in der Phase der Industrialisierung noch die Starrheit des inflationsdruckgenerierenden Lebensmittelangebots erklärt werden. Ohne Berücksichtigung der verzögerten Industrialisierung, die auf die Ersetzung der Importe zielt, wird es nicht möglich sein, den Einsatz unangemessener Technologie, die Arbeitslosigkeit verursacht, zu verstehen.”

“Da diese nicht-wirtschaftlichen Faktoren – das System des Großgrundbesitzes, die Kontrolle der Unternehmen durch Transnationale Gruppen, die Nichteinbeziehung eines Großteils der Arbeitskraft in organisierte Märkte, usw. – das strukturelle Modell integrieren, mit welchem der Ökonom arbeitet, wurden wir, um die Bedeutung dieser Parameter zu unterstreichen, als Strukturalisten bezeichnet.” In gewisser Weise haben die Strukturalisten die Tradition des marxistischen Gedankenguts wieder aufgegriffen, insofern als es die Analyse der sozialen Strukturen in den Vordergrund stellte, um das Verhalten der Wirtschaftssubjekte zu verstehen.

Die Bemühungen, die Konzeptualisierung auszuweiten, um die internen und externen Einflussfaktoren des Entscheidungssystems zu integrieren, führten letzten Endes zur Dependenztheorie: “Außerhalb des Szenarios der kolonialen Domination manifestiert sich das Phänomen der Abhängigkeit auf der kulturellen Ebene, wo die Konsummodelle der technologieerzeugenden Länder übernommen werden, was durch den mittels Wettbewerbsvorteilen im Außenhandel erzeugten Überschuss ermöglicht wird. Es ist die starke Dynamik des modernisierten Konsumsegments, die die Abhängigkeit auf die Technologieebene verlagert und in die sich die Produktionsstruktur einfügt. Als Folge der die Importgüter ersetzenden Industrialisierung zerfällt der Produktionsapparat in zwei Teile: der eine ist an die traditionellen Aktivitäten gebunden, die für den Export oder den Innenhandel bestimmt sind, und der andere wird durch jene Industrien gebildet, die für den modernisierten Konsumsektor produzieren. Wenn man berücksichtigt, dass die Abhängigkeit durch die Einführung neuer Produkte verstärkt wurde, wird es offensichtlich, dass das Voranschreiten der Industrialisierung die Konzentrierung der Einkommen mit sich bringt.

Zusammenfassend impliziert der historisch-strukturalistische Ansatz von Furtado eine Methode der Wissenserzeugung, die dem Verhalten der sozialen handelnden Akteure und der Entwicklung der Institutionen große Aufmerksamkeit schenkt, womit er sich eher einem induktiven Prozess annähert als den traditionellen abstrakt-deduktiven Ansätzen.

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