Der erste Schritt im didaktischen Dreischritt von Ist, Soll und Tun ist die Analyse der Gegenwart, die als ein Moment im Übergang von der Vergangenheit zur Zukunft verstanden wird.
Eine Konjunkturanalyse erlaubt uns, konkrete historisch-geographische Situationen zu verstehen. Dies ist wichtig, wenn Handlungsperspektiven für hier und jetzt erarbeitet werden sollen. Was gestern richtig war, muss dies ja heute nicht mehr sein. Es gibt für alles seine Zeit; das griechische Wort kairos beschreibt den richtigen Zeitpunkt, etwas zu tun. Antworten auf konkrete ethische Fragen zu finden erfordert eine praktische Rationalität, die die Griechen phronesis nannten. Esist dies eine demokratische Vernunft, sie kann überall erworben werden, es gibt keine Patentrezepte und Best-Practices, denn sie ist von Ort zu Ort verschieden. Phronesis als utopiefördernde Rationalität einzusetzen, ist anspruchsvoller als die technische Rationalität mit ihren simplen, universal gültigen Modellen, die bloß kopiert werden müssten. Kairos richtig zu deuten, erfordert gemeinsames Reflektieren.
Lebenserfahrene und engagierte Menschen in sozialen und politischen Bewegungen müssen im Rahmen einer Konjunkturanalyse gemeinsam den Kontext analysieren, in dem gehandelt wird. Dabei wird die Analyse an die Ethik, das Erkennen an das Urteilen und damit das Denken über Gesellschaft an eine politische Praxis gekoppelt. Was passiert heute, hier und jetzt? Wie sind die Ereignisse zu verstehen, wie hängt die Vielzahl an Vorkommnissen miteinander zusammen? Wohin führen diese Entwicklungen?
Eine Konjunktur beschreibt einen konkreten Moment einer langen Dauer, bettet Ereignisse in eine größere strukturelle Entwicklung ein. Eine Konjunktur zu verstehen macht es möglich, hier und jetzt richtig zu handeln. Deshalb beeinflusst die Qualität der Analyse die Wirksamkeit des Handelns. Liegt die Analyse falsch, hat dies Auswirkungen auf das Handeln.
Die Konjunkturanalyse untersucht, inwiefern in der Gegenwart Elemente von Stabilität und Wandel ineinanderspielen. Konjunkturen sind deshalb so schwer zu bestimmen, weil immer Elemente sowohl des Wandels als auch der Beharrung festgestellt werden können. Es geht also darum festzustellen, wie und wo stabile gesellschaftliche Zustände, seien dies Dispositive, Regulation oder Akkumulation, ins Wanken geraten.
Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung wird durch verfestigte Strukturen in eine bestimmte Richtung gelenkt, ohne im Detail die Zukunft festzulegen. Aufgrund der Pfadabhängigkeitbefindet sich die Lok der Entwicklung auf einem bestimmten Gleis und dampft den Schienen folgend dahin. Die Zukunft, das heißt welcher Ort als nächster angefahren wird, wird vorhersehbar. Wem das Ziel nicht passt und wer mit dem Lauf der Dinge unzufrieden ist, der muss versuchen, entweder auf die Notbremse zu steigen oder die Gleise zu verschieben.
In kleinen Krisen, bei denen das Feld, die politische und ökonomische Landschaft, gleich bleibt, muss das Augenmerk darauf gerichtet werden, Sand ins Geriebe zu streuen. De-Konstruktion, Kritik, ist von zentraler Bedeutung, um die Passagiere zu verunsichern und die LokführerInnen zu einem Umdenken zu zwingen.
In großen Krisen, in denen die Gleise zerstört sind, geht es um Konstruktion; die Schienen werden neu verlegt und die Zukunft ist offen. Da vieles möglich ist, geht es nicht vorrangig um Kritik, sondern um den Entwurf des Neuen. In solchen Situationen entbrennt die Auseinandersetzung um Hegemonie und eröffnen sich Möglichkeiten, ein gegenhegemoniales Projekt aufzubauen. |