Befreiung als Ziel von Entwicklung weist auf die Wichtigkeit von Strukturveränderung und die Überwindung von Herrschaft hin. Kritische Forschung darf sich nicht auf das Sammeln von Daten und Fakten beschränken, sondern eignet sich ein Kontext- und Strukturwissen über die Wurzeln von Gesellschaften an. Tiefenstrukturen müssen verstanden und Perspektiven für strukturveränderndes Handeln eröffnet werden. Ein von ExpertInnen zusammengestellter Katalog eines Endzustands, ohne jegliche Vorstellung, wie die Kluft zwischen Ist- und Endzustand zu überbrücken sei, nützt den Armen wenig.
Eine positivistische Sozialforschung macht es sich dann einzig in einer Nische im Universitäts- und Consultingwesen bequem und stellt ihr Wissen bei Bedarf den EntscheidungsträgerInnen zur Verfügung. Ihre Legitimation wird aber langfristig zu Recht darunter leiden, vorrangig die eigene Macht-Wissens-Position ausgenützt und wenig zu einer gerechteren Verteilung von Macht und Wissen beigetragen zu haben. Dies wird die positivistische Entwicklungsforschung dann in eine existenzielle Krise führen, wenn sie zwischen den eigenen hohen normativen Ansprüchen und der Vereinnahmung durch die Machtstruktur zerrieben wird.
Deshalb wird die Zurückgewinnung von Reflexionsfähigkeit für die Sozialforschung zu einer Frage des eigenen Überlebens. In der kritischen Reflexion über gesellschaftliche Hierarchien wird das Augenmerk auf Tiefenstrukturen der Entwicklung gelenkt. Nur so kann Wissen einen Beitrag zur Befreiung von den vielfältigen Formen von Herrschaft leisten. |