Die KritikerInnen von Entwicklung erheben den Vorwurf, es handle sich bei Entwicklung um eine allumfassende Theorie, die gerade wegen ihres überzogenen Anspruchs scheitern müsse. Demgegenüber wüssten die Menschen, vor allem an den Rändern der Weltwirtschaft, selbst am besten, was für sie gut ist. Sie seien eigenverantwortlich genug, selbst festzulegen, was für sie ein gutes Leben sei, wie sie es gestalten wollen, was sie verändern und was sie bewahren wollen. Das Problem wurde also einerseits in den Begriff selbst verlagert, als sei schon der Versuch, Entwicklung überhaupt anzustreben, an sich bedenklich. Andererseits wurden die Ursachen der Probleme der Welt bei denjenigen gesucht, die versuchten, die Probleme zu lösen. Die Entwicklungsorganisationen hätten das vermeintliche Scheitern von Entwicklung zu verantworten.
Das ganze Übel der Moderne wurde also in den Entwicklungsutopien selbst und den Versuchen, diese im Zuge der Entwicklungszusammenarbeit umzusetzen, verortet. Das Entwicklungs-Establishment erschien so als Feind Nummer eins der Menschen an der Peripherie. In Österreich wurde diese Sichtweise durch das Buch “Fiesta” des Mexikaners Gustavo Esteva bekannt. Ein eigenes Entwicklungswörterbuch von Wolfgang Sachs argumentiert ähnlich.Die fundamentale Kritik jeglicher geplanter Entwicklung ähnelt derjenigen, die Hayek an sozialistischer Planung vornimmt. Sie übersieht, dass auch ohne Planung Entwicklung stattfindet. Entwicklung als ein dialektischerProzess kreativer Zerstörung kann nicht wegdefiniert werden.
Anhand der Bauwirtschaft wird dies schnell klar: Der Wald wird gerodet, und es entsteht eine Siedlung, der Altbau wird geschliffen und ein Hochhaus entsteht. Entwicklung als kreative Zerstörung ist ein umfassender Prozess: Indem mythen- und naturverbundene Weltbilder durch rational-technische Vorstellungen ersetzt werden, entstehen gänzlich andere Denkstrukturen, und gleichzeitig geht traditionelles Wissen verloren. Wenn Menschen vom Land in die Stadt abwandern, tragen sie zur Zerstörung dörflicher Strukturen bei und schaffen gleichzeitig eine neue städtische Kultur des Lebens und Überlebens. Diese Dialektik von Wandel und Beharrung bildet das Wesen menschlicher Gesellschaften, unabhängig von und weit vor allen Diskursen über Entwicklung. Der Diskurs der Entwicklung griff vor rund 200 Jahren dieses alte philosophische Motiv des Wandels auf. Alle diskursiven Bemühungen waren von damals an darauf ausgerichtet, die immer rasanter werdenden Veränderungen einer sich modernisierenden und kapitalisierenden Welt zu verstehen. Entwicklung wurde sehr früh zu dem Begriff und dem politischen Instrument, mit dem die Übel des stattfindenden Wandels kuriert werden sollten. Entwicklung war daher von Herder über Marx und Comte der Versuch, durch rationale Intervention die Wunden, die Kapitalismus, Moderne und technologische Umwälzungen produzierten, zu heilen. Dieses Unterfangen wurde von engagierten Menschen unternommen, die die Vision einer besseren Welt in konkreten Entwicklungsprozessen wirksam werden lassen wollten. Anti-Entwickler stellen den Engagierten nun ein schlechtes Zeugnis einzig aufgrund des Befundes aus, dass es bei den Entwicklungsprozessen zu keinen Verbesserungen komme. Genau dies kann aber weder den EntwicklungsdenkerInnen noch den EntwicklungspraktikerInnen vorgeworfen werden. Der Entwicklungsprozess findet nämlich vielfach unabhängig von jeglichen Absichten, ihn zu beeinflussen, statt; schlechte Ergebnisse resultieren aus dem Zusammenspiel von Strukturen und dem Handeln aller AkteurInnen und nicht bloß dem selbsternannter EntwicklungspolitikerInnen. Entwicklungsprojekte können nicht viel mehr als Tropfen auf heiße Steine sein; sie für die Trockenheit zu kritisieren, ist vermessen.
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