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Internationale Politische Ökonomie
Mit Beispielen aus Lateinamerika
Ao. Prof. Dr. Andreas Novy
Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien
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 up 2.4 Politische Ökonomie
 up 2.4.3 Regulationstheorie
 up 2.4.3.2 Regulation
 up 2.4.3.2.4 Die Regulation von Entwicklung

2.4.3.2.4.4 Natur (Gesellschaftliches Naturverhältnis)

Die vierte und letzte Form ist schließlich die Natur. Der Produktionsprozess hat zwei Seiten, G-W-G benennt den Verwertungsprozess, den in Zahlen beschreibbaren Prozess, ob sich das Produzieren rechnet. Es gibt aber noch eine zweite Dimension des Produzierens, nämlich die stoffliche. Rohstoffe müssen angekarrt, Arbeitskräfte verpflichtet werden – für die Lagerung der Rohstoffe, die Unterkunft der Arbeitenden, den Transport, für all dies ist Sorge zu tragen. So entsteht aus einer grünen Wiese eine Fabrik, aus einem Dorf eine Stadt.

Die kreative Zerstörung ist ein dialektischer Prozess, in dem sich Kapital verwertet, abschreibt, amortisiert. Es ist aber auch ein Prozess, bei dem Luft verschmutzt, das Leben in Flüssen getötet, Obstbäume gepflanzt werden. Produzieren ist ein wirtschaftlicher, aber auch ein sozialer und ökologischer Prozess. Ökologie im umfassenden Sinne, Klima, Boden, Rohstoffe stellen eine Beschränkung von Akkumulationsmöglichkeiten dar. Fehlt es an einem Input, stockt die Produktion, kann die Fabrik nicht vergrößert werden, kann auch die Produktion nicht ausgeweitet werden. Wie Menschen die Beziehung zur Natur denken und organisieren, d.h. wie das gesellschaftliche Naturverhältnis gestaltet ist, ist von großer Bedeutung für die kapitalistische Regulation. Nicht nur die Verfügbarkeit von Geld, sondern auch von Natur beschränkt die kapitalistische Akkumulation. Kapitalistisches Produzieren erfordert eine Inwertsetzung der Natur. Im extensiven Akkumulationsregime dominieren Strategien, die neue Räume in den Akkumulationsprozess integrieren. Kolonialismus und dann vor allem der Imperialismus in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Strategie, wie neue Räume und neue Rohstoffe für die Zentren nutzbar gemacht wurden. Im intensiven Akkumulationsregime verloren die Peripherie und ihre natürlichen Reichtümer an Bedeutung, die intensivere Nutzung von Mensch und Natur im Zentrum selber stand im Mittelpunkt. Mit den Extensivierungsstrategien des ausgehenden 20. Jahrhunderts erlangen sowohl emerging markets als auch bis dahin nicht kapitalistisch genutzte Aspekte der Natur an Bedeutung. Um die Form des gesellschaftlichen Naturverhältnisse ranken sich heute wichtige soziale Auseinandersetzungen. Dabei ist gerade die Frage der Grenzen der Warenförmigkeit bestimmter stofflicher (Re-)Produktionsgrundlagen wichtig. Zu erwähnen wäre hier der Konflikt zwischen dem traditionellen Recht indigener Völker und dem Eigentumsrecht an Grund und Boden im Kapitalismus. Noch heftiger ist die Auseinandersetzung gegenwärtig in der Debatte um genetisch-manipulierte Organismen und Biotechnologie. Die Konflikte werden auf verschiedenen Feldern und diversen territorialen Ebenen ausgetragen. Immer ist das Ziel, bestimmte allgemeine Regeln durch den Staat oder staatsähnliche internationale Organisationen, allen voran die Welthandelsorganisation WTO, sanktioniert zu bekommen.

Salzsee, Grenze Argentinien-Chile

Historisch ging die Definition von Eigentumsrechten und die Schaffung eines entsprechenden Arbeitskräftepotentials im Zentrum und an der Peripherie Hand in Hand. Sie erfolgte in beiden Fällen über die politische Neuregulierung des Zugangs zum Boden, konkret der Schaffung eines Bodenmarkts. Eigentumstitel an Boden begründeten eine spezifische Form des Anspruchs auf einen Anteil am Produzierten, nämlich die Bodenrente. Boden- und Naturnutzung sind aber eng miteinander verknüpft. Die Natur allgemein, nicht nur der Boden, ist eine „fiktive“ Ware. Der Zugang zu den Produktivkräften der Natur ist hierbei genauso wichtig wie die Verfügung über ihre Regenerationskräfte. Sowohl in der Nutzung der natürlichen Ressourcenquellen als auch in der Nutzung der Natur als „Müllhalde“ liegt eine Beschränkung, deren Grenzen und Verteilungswirkungen umkämpft sind.

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