Die brasilianische Kaffeewirtschaft Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts liefert ein gutes Beispiel dafür, wie Produktion und Handel verwoben sind.
Die Produzenten waren zum einen die Kaffeebarone, zum anderen die Arbeitskräfte. In den Kaffeeplantagen fanden sich anfangs einzig SklavInnen. Als der Arbeitskräftemangel immer größer wurde, kamen vermehrt europäische MigrantInnen zum Einsatz. Wie im 17. und 18. Jahrhundert auf den Zuckergütern im Nordosten Brasiliens gab es Herrenhaus und Sklavenhütte. Leben und Konsum lief in den beiden Häusern grundverschieden ab. Die SklavInnen konsumierten, was auf der Plantage für den Eigenbedarf produziert wurde und was am lokalen Markt erhältlich war. Die Kaffeebarone verfügten durch den Kaffeeexport über Devisen, mit denen sie Importgüter kaufen konnten: Italienischen Wein ebenso wie französische Bekleidung. Die Kaffeewirtschaft bestand also aus zwei Wirtschaftskreisläufen, einem kleinräumigen für die Arbeitenden und einen großräumigen für die Besitzenden.
Der internationale Wirtschaftskreislauf bestand im Transatlantikhandel, bei dem das Exportprodukt Kaffee gegen europäische Konsum- und Industriegüter getauscht wurde. Import und Export bildeten die Grundlage der Geldwirtschaft, Gold und Pfund waren im Goldstandard die anerkannten Tauschmittel, die Wert verbürgten und Vermögen begründeten. Mangelte es an Gold und Pfund, war es um Brasiliens Wirtschaft schlecht bestellt, die Importe mussten gedrosselt werden. Die Ursache dafür lag oftmals in fallenden Weltmarktpreisen für Kaffee, manchmal ganz einfach auch in Missernten. Was bestimmt nun den Preis von Kaffee, warum konnte sich mit São Paulo ein kleiner Raum in der Weltwirtschaft auf ein einziges Produkt konzentrieren und in einer internationalen Arbeitsteilung eine Vielzahl anderer Produkte – Maschinen, Konsumgüter – importieren? Die Antwort findet sich nicht innerhalb Brasiliens; die Erklärung beruht nicht auf endogenen (im Land selbst liegenden), sondern auf externen Faktoren. In Europa begann das Bürgertum im 19. Jahrhundert Kaffee als Getränk zu schätzen und die Nachfrage nach Kaffee stieg sprunghaft. Die steigende Nachfrage hatte preistreibende Wirkung. Dies schuf für die ProduzentInnen Anreize, ihr Angebot auszuweiten, extensiv zu produzieren, ohne aber die Produktionsmethoden zu verändern.
Kaffeekränzchen konnten in Europa erst in Mode kommen, nachdem in Brasilien – und an anderen Orten – seit dem 19. Jahrhundert ausreichend Kaffee produziert wurde. Für Brasilien bedeutet dies, dass die Kaffeewirtschaft einen rasanten “Marsch nach Westen” vornehmen musste. Ausgelaugte Böden mussten zurückgelassen und neuer, unberührter Boden im Westen São Paulos bewirtschaftet werden, um den Bedarf Europas und der USA zu decken. Ohne Kaffeehäuser hätte das rasante Wachstum São Paulos niemals stattgefunden.
Im Falle des Kaffees scheint die Anpassung von Konsum und Produktion nicht besonders schwierig, da bloß neue Felder bestellt werden mussten. Trotzdem traten gravierende Probleme auf, vor allem mangelte es an Arbeitskräften. Das jahrhundertelang bewährte Modell der Sklaverei stellte nicht die ausreichende Menge an Kaffee pflückenden Händen bereit, England behinderte, ja unterband nach 1850 den Transatlantikhandel mit SklavInnen. Die Kaffeewirtschaft zwang Brasiliens herrschende Klasse, die Arbeitsorganisation zu verändern. Der Arbeitskräftemangel erforderte die Förderung der Migration, weshalb arme EuropäerInnen ins Land gelockt wurden. Da sie anfangs wie SklavInnen behandelt wurden, versiegte der Zustrom jedoch rasch. Erst die massive staatliche Förderung und weniger brutale Arbeitsmethoden machten Brasilien um die Jahrhundertwende erneut zu einem attraktiven Einwanderungsland. Anders als in den USA jedoch zwangen Staat und Kaffeebarone den Großteil der MigrantInnen in die Kaffeewirtschaft und behinderten die Entstehung einer freien, für den Eigenbedarf produzierenden Bauernschaft.
Das Import-Export-Geschäft wurde großteils von britischen Firmen abgewickelt. Dort bündelte sich die Macht, denn der Ankaufs- und Verkaufspreis, die Vorfinanzierung der Ernte und allfällige Kreditgewährungen waren entscheidende Faktoren der Kaffeewirtschaft. Solange diese vermittelnde Funktion von Zwischenhändler und Banker von den Briten dominiert wurde, war der Reichtumsabfluss vorprogrammiert. Die boomende Kaffeewirtschaft erlaubte jedoch mit der Zeit eine gewisse Unabhängigkeit der reichen BrasilianerInnen.
Sie stiegen selbst in Handel und Finanzierung ein, die Vorteile der Kaffeewirtschaft konnten vermehrt lokal genutzt werden. Stellen wir das Beispiel São Paulos demjenigen des Amazonas gegenüber, so sehen wir, wie schwerwiegend die Probleme sind, die sich im Kapitalismus aus dem Kreislauf von Produktion und Konsum ergeben. Kautschuk wurde für die britische Industrie im 19. Jahrhundert ein unentbehrlicher Rohstoff. Da nur im amazonischen Regenwald Kautschukbäume standen, wurde dieser ökologisch schwer zugängliche Raum mit allen Mitteln wirtschaftlich nutzbar gemacht. Unter großen Strapazen sammelten extra eingeschiffte Arbeitskräfte den kostbaren Rohstoff. Die Nachfrage überstieg trotzdem bei weitem das Angebot und die Preise kletterten in die Höhe. Eine kleine Händlerschicht konnte sich aus der Kautschukwirtschaft massiv bereichern. Mitten im Urwald gelegen symbolisiert die Oper in Manaus diese Boomphase. Genauso rasch wie der Kreislauf der Kautschukwirtschaft expandierte, schrumpfte er nach 1912 wieder. Die Briten hatten den Kautschuksamen nach Südostasien geschmuggelt. Die dort errichteten Plantagen produzierten bald ein Vielfaches des natürlich im Amazonas wachsenden Kautschuks. Die Preise purzelten, die Nachfrage nach Naturkautschuk ging zurück – der Kreislauf aus Produktion und Konsum degenerierte. |