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Internationale Politische Ökonomie
Mit Beispielen aus Lateinamerika
Ao. Prof. Dr. Andreas Novy
Abteilung für Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftsuniversität Wien
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 up 2.4.2 Grundstruktur des Kapitalismus
 up 2.4.2.3 Marktwirtschaft

2.4.2.3.1 Märkte werden produziert

Märkte werden in der Neoklassik als die „natürlichen“ Institutionen gesehen, alle anderen Institutionen gelten als „künstlich“, weil durch Tradition oder menschliche Intervention geschaffen. Für die als natürlich erscheinende Institution des Marktes gilt: Je weniger sich der Staat einschaltet, desto besser gedeiht der Markt. Märkte sind demnach Institutionen, die über Preissignale sicherstellen, dass das produziert wird, was auch gebraucht wird. Der Preis von Unbrauchbarem fällt, der von Begehrtem steigt, so die behauptete Grundlogik des Gesetzes von Angebot und Nachfrage. Unsere Welt mag immer komplexer und komplizierter werden, im Grunde funktioniere sie immer noch so wie auf den uns allen vertrauten Bauernmärkten: Wenn Weintrauben im Überfluss vorhanden sind, weil gerade Weinlese ist, sinkt der Preis, wenn Weintrauben aus Südafrika importiert werden müssen und nicht in gleichen Mengen vorhanden sind, steigt er. Dies ist tatsächlich oft der Fall, aber es gibt wichtige Ausnahmen: So sinkt der Preis von Computern trotz steigender Nachfrage, weil steigende Nachfrage Produktionsmethoden verändern kann. Der Kautschukpreis explodierte bis 1912, d.h. solange die Nachfrage stieg und die Produktionstechnik gleich blieb. Als die ostasiastische Plantagenwirtschaft die südamerikanische Sammelwirtschaft verdrängte, konnte im 20. Jahrhundert das Angebot ausgeweitet und gleichzeitig der Preis gesenkt werden.

Kautschukbaum

Eine sozialwissenschaftliche Analyse zeigt jedoch, dass Märkte genauso künstliche Institutionen sind wie alle anderen von Menschen geschaffenen Formen des Zusammenlebens. In vielen Gesellschaften hat das Land eine göttliche Bedeutung. In vielen Religionen verbindet das Land die Lebenden mit den Toten; ein konkretes Land ist daher dort niemals veräußerbar. Viele religiöse Bewegungen inspirierten sich in der Vorstellung, dass das Land denjenigen zu gehören habe, die es nutzen. Nur durch die gewaltsame Enteignung von indigenen Völkern, von Bauern und Bäuerinnen konnte ein Bodenmarkt entstehen.

Heute kritisieren indigene Völker, Bauernvereinigungen und Landlosenbewegungen oftmals die kapitalistische Marktwirtschaft, indem sie ausdrücklich auf diese traditionellen Eigenlogiken Bezug nehmen. Darauf aufbauend stellen sie sich gegen die Vorstellung, Land sei käuflich. Sie stellen das Recht auf Nutzung dem Recht auf Eigentum entgegen. Ohne Gewalt, geduldet oder gestützt durch den Staat, ist dieser Konflikt nicht auflösbar. Boden ist eine fiktive Ware in dem Sinn, als sie sozial konstruiert und durch den Staat sanktioniert ist. Verweigert der Staat die Sanktionierung, indem er Landbesetzungen zulässt und damit Enteignungen akzeptiert, verlieren Warenform und Eigentum jegliche „Natürlichkeit“. Das gleiche gilt für Arbeitskraft und Geld, die für Karl Polanyi die beiden anderen fiktiven Waren darstellen. Damit weist er auf den Umstand hin, dass Märkte konstruiert werden. Dementsprechend „fiktiv“ bzw. konstruiert sind dann auch Preise: Was ist der Preis der Klimaerwärmung? Was ist der Preis für Verkehrstote? Wer die Wirtschaftswissenschaften kennt, weiß, dass für all diese Phänomene Preise errechenbar sind und auch berechnet werden.

Der Markt braucht zu seiner Einführung und Aufrechterhaltung eine politische Macht, einen aktiven Staat.

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