Interpretieren heißt, sowohl den Kontext als auch die Struktur zu kennen. Kontextwissen liefert das notwendige Wissen über das konkrete Milieu, die konkrete Situation vor Ort, die zu deuten ist. Strukturwissen wiederum liefert das Wissen, das den konkreten Kontext in einen größeren Zusammenhang einbettet, nämlich in die gesellschaftliche Totalität. Zusammen ergeben Kontext- und Strukturwissen das notwendige Vorwissen, um mit dem Interpretieren als einem zirkulären Prozess beginnen zu können. Das Vorwissen kann nie so umfassend und genau sein, dass es nicht trotzdem unvollständig und vorläufig bleibt. Daher ist das simpelste Alltagsverständnis einfacher Menschen erkenntnistheoretisch auf der gleichen Ebene wie das Vorwissen nobelpreisverdächtiger WissenschafterInnen. Der Unterschied besteht einzig darin, wie reflektiert und kritisch im Erkenntnisprozess mit diesem Vorwissen umgegangen wird und neue Erkenntnisse gewonnen werden. Interpretative Sozialforschung ist solcherart vorrangig als Kunstlehre zu verstehen, die nur im Zuge eines langwierigen Erfahrungsprozesses in der Forschung eingeübt, aber erst durch eine reflektierte Lebensführung im Alltag verinnerlicht werden kann. Methoden sind hierbei Einstiegshilfen, sie garantieren aber keinesfalls wissenschaftlich verlässliche Interpretationen. Der Begriff Kunst-Lehre deutet an, dass es um Kreativität und das Schaffen von Neuem einerseits und das mühselige Aneignen eines Handwerkszeugs andererseits geht. |