Dialog ist interpretatives Forschen, das auf Andere und Anderes eingeht. Den Dialog zu führen lehrt, mit den eigenen Vorurteilen kritisch umzugehen. Dazu bedarf es einer grundlegenden Empathie, die ForscherInnen sollten vor Ort in das Leben eintauchen und dabei akzeptieren, dass sie zwangsläufig, ob sie wollen oder nicht, mit Vorurteilen an Neues herangehen müssen. Die Zugehörigkeit der InterpretInnen zu ihrem “Untersuchungsgegenstand” muss bewusst angenommen werden, Vorurteile müssen reflektiert, adaptiert und notfalls revidiert werden. Darin besteht der wissenschaftliche Umgang mit Vorurteilen und Vereinfachungen, der nur in der dauernden kritischen Selbstreflexion möglich wird. Ziel ist es nicht, vorurteilslos an die Welt heranzutreten. Dies ist unmöglich. Jedoch geht es um die eigene Horizonterweiterung im Dialog mit dem Anderen. Dies ist ein Grundprinzip eines demokratischen Gemeinwesens.
Die spezifische Form der Feldforschung als ein Prozess des Verschmelzens mit dem Denken und Leben der Menschen vor Ort wird von der Antrophologie als going native bezeichnet. Gute Forschung über lokale Entwicklungsprozesse an der Peripherie ist ohne eine Dosis going native nicht möglich: Forschende haben – je nach Charakter, mehr oder weniger – mit der lokalen Bevölkerung in ihrer Sprache zu reden, zu essen, zu tanzen und zu arbeiten. Aber das going native hat seine Grenzen. So zitiert Tzvetan Todorov, ein Bulgare, der in Frankreich lebt, Hugo von St. Victor: “Von zartem Gemüt ist, wer seine Heimat süß findet, stark dagegen jener, dem jeder Boden Heimat ist, doch nur der ist vollkommen, dem die ganze Welt ein fremdes Land ist.” Die zu erforschende Gemeinschaft, der neue Ort kann und darf keine Ersatzheimat werden. Neben praktischen Problemen führt das radikalisierte going native auch zur Entkopplung von der Gesellschaft, aus der die Forschenden stammen. Forschung als Dialog wird auf diese Weise von der anderen Seite her gekappt. |