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Naturräume Lateinamerikas
Von Feuerland bis in die Karibik
Univ. Prof. Dr. Axel Borsdorf und Mag. Hannes Hoffert
Institut für Geographie der Universität Innsbruck
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 up 6 Ökologische Probleme Lateinamerikas in Beispielen
 up 6.2 Systemische Rückkopplungen

6.2.2 El Niño

Seit über 200 Jahren ist belegt, dass an der Westküste Südamerikas, von Ecuador über Peru bis Nordchile, immer zu Weihnachten die Fischsaison zu Ende geht. Zum Höhepunkt des Südsommers wird die dort normalerweise vorherrschende kalte, südliche Meeresströmung (der Humboldt- oder Perustrom) durch eine entlang der Küste nach Süden ziehende wärmere und nährstoffärmere Strömung abgelöst. Dieses Phänomen bekam den Namen »das Christkind«, auf Spanisch: »El Niño«. Im Abstand von etwa vier bis sieben Jahren ist die Erwärmung des Meerwassers wesentlich stärker ausgeprägt. Dies kann katastrophalen Folgen für Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt im westlichen Südamerika zur Folge haben. Heute werden meist nur diese heftigen, mehrere Monate bis zu einem Jahr dauernden Klimaumschwünge mit dem Namen »El Niño« belegt; die stärksten El-Niño-Ereignisse (zum Beispiel das von 1982/83 oder von 1997/98) mit weltweiten Auswirkungen werden »Super-El-Niño« genannt.

Aufgrund dieser katastrophalen Folgen wurde El Niño erst vor wenigen Jahrzehnten intensiver untersucht und als weit reichendes Klimaphänomen erkannt. Damit wurde das Phänomen auch einer breiteren Öffentlichkeit in Europa bekannt. Es handelt sich dabei um eine Umkehrung der atmosphärischen und ozeanischen Strömungssysteme in den niederen Breiten des Südpazifiks. Dies führt in den sonst trockenen und fischreichen Küstengebieten Ecuadors, Perus und Nordchiles zu starken Regenfällen und hat einen starken Rückgang der Fischbestände zur Folge, während in Südostasien und Nordaustralien Dürre und Waldbrände auftreten. El Niño wiederholt sich alle zwei bis sieben Jahre um die Weihnachtszeit (daher der Name El Niño = Das Christkind) und hält bis zu einem Jahr an. Wissenschaftlich korrekt ist die Bezeichnung: El Niño/Southern Oscillation (ENSO). In den letzten 50 Jahren konnte eine Tendenz zu immer stärkeren und häufigeren Ausprägungen beobachtet werden. Dieser Trend wird von manchen Klimaforschern als durch den anthropogen verstärkten Treibhauseffekt verursacht interpretiert.

Bei La Niña handelt es sich um eine dem El Niño entgegengesetzte Erscheinung: zusätzliche Abkühlung des Ostpazifiks und Erwärmung des Westpazifiks. Beide Phänomene sind Teil eines mehrjährigen Zyklus, dessen Ablauf in seinen Grundzügen aufgeklärt werden konnte. Auswirkungen sind auch außerhalb des pazifischen Raums, etwa in Nordamerika, Afrika oder Indien, zu spüren.

Die El-Niño-Ereignisse des 20. Jahrhunderts sind gut dokumentiert. Insgesamt wurden in den letzten 150 Jahren 40 Ereignisse gezählt. Besonders starke Ausprägungen traten 1911, 1925, 1939/41, 1957/58, 1972/73, 1976, 1982/83 und 1997/98 auf; dabei waren die beiden letzten das zweitstärkste und das stärkste bekannte Auftreten von El Niño überhaupt. 1986 und 1991 kam es zu schwächeren El-Niño-Ereignissen. Archäologen vermuten, dass in vorkolumbianischer Zeit mehrfach Städte oder sogar ganze Kulturen durch Auswirkungen von El Niño zerstört wurden. Die Folgen von El Niño sind meist schlimmer als die von La Niña, da eine an Trockenheit gewöhnte Region meist besser mit extremer Trockenheit umgehen kann als mit Überschwemmungen; das Gleiche gilt umgekehrt ý für die Regenwaldregionen Südostasiens und Neuguineas. Schätzungen sprechen von 2.000 Toten und 8 bis 13 Milliarden Dollar Schäden im Jahre 1982/83 sowie 5.000-30.000 Toten und zwischen 15 und 90 Milliarden Dollar Schäden 1997/98. Worin bestanden die von den katastrophalen Ereignissen 1982/83 und 1997/98 hervorgerufenen Schäden im Einzelnen?

Im westlichen Südamerika waren 1997/98 die meisten Opfer durch Überschwemmungen zu beklagen, viele Gebäude (unter anderem auch unschätzbare archäologische Fundstellen und Ruinen) waren als Lehmgebäude nicht für starke Regenfälle konzipiert. Große Schäden richtete die Erosion an, also das Abspülen der ohnehin nur spärlich vorhandenen landwirtschaftlich nutzbaren Böden. Darüber hinaus kam es zu Erdrutschen und Schlammlawinen, die nicht nur viele Opfer forderten, sondern auch die Infrastruktur der betroffenen Länder schwer beschädigten. Die in Ecuador durch Zerstörungen in Infrastruktur und Landwirtschaft hervorgerufenen Verluste beliefen sich auf mindestens zwei Milliarden Dollar. Im östlichen Südamerika, vor allem in Brasilien, und in Mittelamerika kam es zu ungewöhnlicher Dürre, die im Verbund mit sehr schwachen Winden die Ausbreitung von Waldbränden begünstigte. Die Dürre in der Region Sertão in Nordostbrasilien betraf über zehn Millionen Menschen, der Wasserstand in den Flüssen des Amazonasgebiets sank um bis zu sechs Meter.

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