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Naturräume Lateinamerikas
Von Feuerland bis in die Karibik
Univ. Prof. Dr. Axel Borsdorf und Mag. Hannes Hoffert
Institut für Geographie der Universität Innsbruck
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6.5.1 Kaffee - ein Genuss mit bitterem Beigeschmack

Was hat der europäische Kaffeetrinker mit dem Vogelsterben im tropischen Bergwald und dem Vogelzug zu tun? Sehr viel, und um es noch verwirrender zu machen, er bringt sich bei alledem auch noch um das Stück Lebensqualität, das ein guter Kaffee bieten kann. - Aber guten Kaffee gibt s fast nicht mehr, ihm erging s nicht anders als den Vögeln des Bergwaldes. Und beides, das Verschwinden guter Kaffeesorten vom Markt und das Verschwinden des Vogelgezwitschers hängen ursächlich zusammen.

Von den drei bedeutendsten Kaffeearten (arabica, robusta, liberica) ist Coffea arabica die wohlschmeckendste. Von der Alten Welt nach Lateinamerika gebracht, hat sie vor allem im ersten Höhenstockwerk der Kordilleren (tierra templada) beste Wachstumsbedingungen gefunden. Der Anbau der Kaffeesträucher war ökologisch ganz unbedenklich, weil der Arabica-Strauch Schattenbäume benötigt, und sich somit die Kaffeepflanzung eine standortgerechte Kopie des tropischen Bergwaldes mit seinem Stockwerkbau und mit Dauerkulturen darstellte, die den "kurzgeschlossenen Nährstoffkreislauf" der Tropen ermöglichte, den Boden vor Abspülung schützte und wegen der Mischkultur sehr resistent gegen Schädlinge war.

Das alles ist jedoch Vergangenheit. Heute sehen Kaffeeplantagen ähnlich aus wie Teeplantagen. Ohne Schattenbäume, ohne Begleitkulturen, also in sterilster Monokultur stehen die Kaffeebüsche in langen parallelen Reihen. Möglich wurde dies durch die Züchtung einer neuen Hybridsorte, Coffea caturra, die eine wesentlich höhere Produktivität erreicht. Der größere Ertrag kommt einerseits durch einen stärkeren Fruchtbehang, andererseits aber vor allem durch dichtere Pflanzung zustande, weil Caturra keine Beschattung benötigt und die Büsche nun lückenlos angeordnet werden können. Freilich sind damit auch einige Vorteile des standortgerechten Anbaus dahin: Die Monokultur macht die Pflanzung anfällig für Schädlinge, denen mit ständiger Biozid-Spritzung begegenet wird, auch fällt zu wenig Humus an, um den Nährstoffkreislauf zu schließen. Es muss also gedüngt werden, was angesichts der Bodenwasserdeszendenz nachhaltig nicht möglich ist, so dass relativ häufige Düngergaben nötig sind. Alles dies kostet Geld, das in die Zentralen der internationalen Chemiekonzerne fließt.

Es sind aber nicht die Relikte chemischer Behandlung, die Kaffeefreunde den alten Arabica-Kaffees nachtrauern läßt. Caturra entwickelt bei weitem nicht das früher gewohnte Aroma. Um den Konsumenten den Verlust nicht spürbar werden zu lassen, haben die Kaffeeröster zu einem simplen Trick gegriffen. Zunächst wurde fertig gemahlener Kaffee preiswerter verkauft als ganze Bohnen, obwohl dieser zunächst noch qualitativ gleichwertig war. Im Laufe der Zeit wurde immer mehr Caturra zugemischt, bis sich der Geschmack der Verbraucher angepasst hatte. Zugute kam den Kaffeekonzernen der Trend zu Kaffeeautomaten, die mit hohem Druck arbeiten (italienische Espressomaschinen). Italienischer Kaffee hatte traditionell immer große Robusta-Anteile, bestand also zu einem großen Prozentsatz aus den billigen brasilianischen Kaffees, die zwar kräftig schmecken, der feinen Aromastoffe aber entbehren. Geschmacklich steht Caturra zwischen Robusta und Arabica, insofern war mit dem Siegeszug des Automatenkaffees die letzte Chance für Coffea arabica vertan.

Die Handlungstheorie lehrt, dass jede Handlung auch unbeabsichtigte Handlungsfolgen hat. Für die lateinamerikanischen Kaffeepflanzer waren solche Handlungsfolgen die Verschuldung (durch Kauf der neuen Sträucher, Zwang zu Biozid- und Düngereinsatz). Sie leiden auch unter dem weltweiten Verfall des Kaffeepreises, bedingt durch Überproduktion durch höhere Flächenproduktivität. Der europäische Kaffeetrinker erkauft den billigeren Preis für die Kaffeepackung nicht nur mit Aromaverlust, sondern auch mit größerer Belastung durch die in Spuren nachweisbaren Chemikalien und möglichen gesundheiltichen Spätfolgen.

Leider traten und treten auch erhebliche ökologische Probleme auf:

  • Der fehlende Stockwerkbau und die einseitige Monokultur führen zur Bodenerschöpfung und zur flächenhaften Bodenerosion.
  • Herbizid- und Pestizideinsatz vernichten die Nützlinge.
  • Damit verringert sich die Biodiversität dramatisch. Während auf den traditionellen Arabica-Anlagen allein 30 Ameisen- und 126 Käferarten gezählt wurden, findet keine dieser Arten in den Biowüsten der Caturra-Monokulturen eine Existenzmöglichkeit. Die Pflanzungen sind biologisch tot, mit Ausnahme der Kaffeesträucher.
  • Mit den verschwundenen Insekten fehlt auch das Futter für die Zugvögel. Manche Arten haben bereits 46 % des Bestandes verloren.
Die Nichtregierungsorganisation "Rainforest Alliance" hat daher ein Gütesiegel "Vogelfreundlicher Kaffee" entwickelt. Sie wird dabei von Wissenschaftlern des Smithonian Migratory Bird Centers (Smithonian Zugvogel-Zentrum) unterstützt.

Quelle: Borsdorf, A.: Kaffee - Genuß mit bitterem Beigeschmack. In: Borsdorf, A. u. C. Stadel: Ecuador in Profilen. (= inngeo, Innsbrucker Materialien zur Geographie 3). Innsbruck 1997, S. 110.

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