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Jahrestagung der ARGE Österreichische Lateinamerika-Forschung 2002
Lateinamerika und Europa - Verflechtungen und Wechselwirkungen

Österreichisches Lateinamerika-Institut
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 up 3 Themenkreis Wirtschaft und Recht

3.2 Stefan R. F. Khittel:
Rechtspluralismus in Kolumbien

Kolumbien bietet einen anschaulichen Fall für den Übergang von einem einheitlichen Rechtssystem zu einem rechtlichen Pluralismus unterschiedlicher Systeme. Die teilweise zaudernde Spruchpraxis des Verfassungsgerichtshofes bietet ein interessantes Anschauungsobjekt für die hier zu leistende rechtliche Analyse.

Die neue kolumbianische Verfassung des Jahres 1991 brach mit der Tradition des katholischen, mestizischen, unitären Staates. Säkular, multikulturell und pluriethnisch war die neue Nation definiert. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Bruches mit der vorausgehenden Verfassung, im wesentlichen 1886 geschaffen, war die prinzipielle Anerkennung anderer Jurisprudenz als der des positiven kolumbianischen Rechts. Die "Bräuche und Sitten" der indigenen Bevölkerung werden seither als eigenständiges Recht aufgefasst und als solches in einen pluralistischen Rechtskanon erhoben. Zunehmend werden auch Nicht-Indigene einbezogen, wie Roma und afrokolumbianische Gruppen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte der altösterreichische Rechtswissenschaftler Eugen Ehrlich eine umfassende Theorie einer Soziologie des Rechts. Seine grundlegenden Arbeiten bilden auch eines der wichtigen Fundamente der weltweiten Strömung des Rechtspluralismus. In den letzten Jahren kam es in der rechtswissenschaftlichen Diskussion in Kolumbien zu einer grundlegenden Umorientierung von der Kelsen schen Schule des Rechtspositivismus zur rechtssoziologischen des Eugen Ehrlich, unter der führenden Mitwirkung von Boaventura de Sousa Santos.

Mag. Stephan Khittel, geboren 1969, 1994-2000 Studium der Ethnologie an der Universität Wien, seither Doktoratsstudium ebendort. Seit Jänner 2002 an der Kommission für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Regionalgebiet in Lateinamerika: Pazifisches und karibisches Tiefland in Kolumbien. Forschungsgebiete: Populärkultur, Afrikanische Diaspora, Rechtsanthropologie.

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