Die Chiquitanos (Eigenbezeichnung der Ethnie: Monkoka) leben im östlichen Tiefland von Bolivien und sprechen Chiquitano (Eigenbezeichnung der Sprache: Besiro).
Sie wurden mit einer Anzahl anderer Stämme im 18. Jhdt. von den Jesuiten erstmalig evangelisiert. Ihre Sprache wurde zur verbindlichen lengua general, d. h. zur übergeordneten Verkehrssprache und Sprache der Katechese. Im Zuge der Evangelisierung wurden religiöse Texte in diese Sprache übersetzt und verschriftet.
Die Entwicklung des Chiquitano zur Schriftsprache: Die lateinische Schrift wurde eingeführt und die damals gültige spanische Schreibkonvention der Chiquitano-Schreibung zugrunde gelegt. Ausgewählte Knaben lernten Lesen und Schreiben in Latein, Spanisch und Chiquitano. Im Zuge der Verschriftlichung erfuhr die Sprache eine Transformation. Das Ziel der Jesuiten war, eine verantwortungsfähige Führungsschicht auszubilden. Die Funktion als lengua general und der Ausbau zur Schriftsprache haben ohne Zweifel zum Überleben dieser Sprache wesentlich beigetragen.
Schrift, zuerst als Zeichen kultureller Überlegenheit, später als Zeichen erfolgreicher Zivilisierung, stellt in der Geschichte der Evangelisierung der Chiquitanos ein wichtiges und konstantes Element dar. In Bezug auf religiöse, ritualisierte Texte ist ein enger Zusammenhang zwischen Wort und Schrift, mündlicher und schriftlicher Tradierung, bis heute in der Praxis gegeben. Das Schreiben gehört wie die Geigenmusik, die barocke Festgestaltung, die Kirchengebäude und die Verwaltungsstruktur zu den ursprünglich von den Missionaren eingeführten kulturellen Elementen, die von den Indígenas auch nach der Ausweisung der Jesuiten beibehalten wurden und bis heute gepflegt werden.
Anhand von Textbeispielen läßt sich nachweisen, dass bei den Chiquitanos, die bis Mitte des vergangenen Jhdts. zu den Analphabeten gezählt wurden, eine ungebrochene Schreibtradition seit dem 18. Jhdt. besteht.
Dr. Sieglinde Falkinger, geboren 1953 in Klagenfurt; 1986-1993 Studium der angewandten Sprachwissenschaft und Medienkommunikation in Klagenfurt, Sponsion 1993 (Titel der Diplomarbeit: Geschichte und aktuelle Situation des Chiquitano); Doktoratsstudium an der Universität Graz (Titel der Dissertation: Rituelle Texte im Chiquitano). Mehrere Aufenthalte in Chiquitos zum Studium der Sprache; 1974-1976 Einsatz als ÖED Entwicklungshelferin in Bolivien; 1979-1983 Neuerlicher Aufenthalt in Bolivien im Rahmen des ÖED. Seit 1995 Bildungsreferentin für die Katholische Frauenbewegung (kfb) und Landessekretärin des Österreichischen Lateinamerika-Institutes. |