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Jahrestagung der ARGE Österreichische Lateinamerika-Forschung 2002
Lateinamerika und Europa - Verflechtungen und Wechselwirkungen

Österreichisches Lateinamerika-Institut
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 up 5 Themenkreis Kultur

5.6 Bernd Brabec:
Psycholytische LSD-Therapie versus Nishi sheati. Europäische und indianische Anwendung von Halluzinogenen im kritischen Vergleich.

Erkrankungen des Geistes sind ein weltweit verbreitetes Problem und dem entsprechend gibt es in verschiedenen Kulturen wesentlich unterschiedliche Methoden zur Behandlung und Heilung selbiger.

Die psycholytische LSD-Therapie wurde in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hauptsächlich in Europa entwickelt und praktiziert. Durch Probleme ethischer und politischer Natur wurde die Praxis der LSD-Therapie gegen Ende der 60er Jahre zum Erliegen gebracht und dahingehende Forschung wird nur noch unter strengen Restriktionen genehmigt.

Vergleichend wollen wir traditionelle Medizin betrachten, wie sie am oberen Amazonas von indigenen und mestizischen Heilern praktiziert wird. Das Hauptkonstitutiv dieser Behandlungen ist Ayawaska, ein starkes pflanzliches Halluzinogen, dessen Effekte mit denen von LSD-25 vergleichbar sind. Auch diese Therapieform erleidet verschiedene politische und ethische Komplikationen, vor allem, da sie von der in Lateinamerika starken christlichen Kirche als satanisch verdammt wird, und deshalb unter der jüngeren Generation nur noch bedingt akzeptiert wird.

In einer traditionellen Ayawaska-Sitzung (nishi sheati), wie sie unter den Angehörigen der Ethnie Shipibo gepflegt wird, trinkt der Therapeut (Onaya), aber nicht der Patient eine Dosis des Halluzinogens, um in einen außergewöhnlichen Bewußtseinszustand zu gelangen, in dem er Kontakt zu spirituellen Entitäten aufnehmen kann, welche wiederum die Heilung des Patienten vollziehen.

Im Nishi sheati liegt ein wichtiges Augenmerk auf der Rekonstruktion der kulturellen Identität des Patienten – welche mit Gesundheit gleichgesetzt wird – symbolisiert durch die Kene, das sind spezifische Linienmuster der Shipibo-Kunst. Dieser Vorgang findet in der halluzinierten Welt des Onaya durch Zerlegen und Wiederzusammensetzen des mit Kene bedeckten Patientenkörpers statt, in der alltäglichen Wirklichkeit durch das Hervorrufen eines psychologisch motivierten außergewöhnlichen Bewußtseinszustandes beim Patienten im Rahmen des zeremoniellen Prozesses.

In der komplexen Phänomenologie der Sitzung treten Elemente hervor, die mit der LSD-Therapie verglichen werden können. In der psycholytischen Therapie, in welcher der Patient, nicht der Therapeut, LSD einnimmt, sollen verdrängte Inhalte aus Systemen verdichteter Erfahrung freigelegt werden, und zwar durch den Patienten selbst, um ihm eine Neuintegration in sein soziales Umfeld zu ermöglichen.

Die auffälligste Gemeinsamkeit der grundsätzlich verschiedenen Behandlungsformen ist die Ausbildung des Therapeuten, denn sowohl der Onaya als auch der LSD-Therapeut müssen in ihrer Ausbildung eine Reihe von Sitzungen mit dem Halluzinogen absolvieren, um die verschiedenen Stadien und Manifestationen von psychischen Erkrankungen erkennen zu lernen. Was beide Therapieformen jedenfalls gemeinsam haben, sind eine hohe Heilungsrate und die gleichzeitige Repression durch die dominante Kultur in ethischer und politischer Hinsicht.

Mag. Bernd Brabec, geboren 1975, studierte seit 1993 in Salzburg und Graz Philosophie, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte. Neben einer künstlerischen "Karriere" liegt sein Spezialgebiet in der Ethnomusikologie, speziell deren Psychologie. Er arbeitet seit 1998 mit amazonischen Curanderos zusammen, um neue Konzepte alternativer Musiktherapie zu erforschen. Die ersten Forschungsergebnisse werden in der Diplomarbeit bei Prof. Gerhard Kubik "Musik in der Ayawaska-Zeremonie. Medizinische Gesänge vom oberen Amazonas" in Wien nachzulesen sein. Bernd Brabec lebt die meiste Zeit als junger Familienvater und Schüler seines Schwiegervaters mit Angehörigen der indigenen Ethnie Shipibo-Konibo am Rio Ucayali in Perú.

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