An Hand lateinamerikanischer Archivstudien sollen am Beispiel J.G. Herders (1744-1803), gewonnene Forschungsresultate vorgestellt werden. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Idendität und Differenz der Verknüpfung von Aufklärung und Romantik im Rahmen interkultureller Vermittlungsprozeße. Dabei kann der Einfluß des Islam im Rahmen der Verpflechtung zwischen Lateinamerika und Europa nicht ausgeklammert werden. So regte Herders Araberfrage dazu an, den Einfluß der arabischen romantischen Denkweise in seiner spanischen Vermittlung nach Lateinamerika konkreter zu untersuchen. Seit der Franzose Edgar Quinet 1827 Herders Buch „Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit“ ins französische übersetzte ist die Rezeption Idee Herders von Argentinien bis Mexiko präsent.
Herder hatte neben Lessing und den Übersetzungen A.W. Schlegels zur Wiederentdeckung Spaniens durch die Aufklärung beigetragen. Über Böhl von Faber in Spanien (Cádiz) und die französischen Salons im 18. Jahrhundert fanden seine Ideen wie auch die der deutschen Frühromantik im lateinamerikanischen Kulturraum Verbreitung. Herders Historismus, regte Lateinamerikaner (wie z.B. Sarmiento, Alberdi, Mitre, Lopez ) dazu an politische Fragen und Probleme im historischen Sinn zu prüfen. Stärker als Montesquieu hat Herder die gestaltende Kraft des natürlichen und historischen Mileus herausgearbeitet. Hierbei wird Herders These vom „Fortgang in der Geschichte“ in der Folgezeit im Kontext von pro und contra diskutiert. Das von ihm vermittelte historische Verständnis und der damit verbundene Wirklichkeitssinn prägten das liberale und förderalistische Denken im Kampf gegen die Diktatur von Rosas.
Der aus lateinamerikanischer Sicht vorgenommene Vergleich zwischen Vico und Herder machet deutlich, das Vico stark im Sinne Herders interpretiert wird, der mit seinem sozialkritischen Denken, in der demokratischen Linie der unteren Klassen und Schichten steht. Gleichzeitig orientiert die Rezeption von Vico und Herder darauf ideengeschichtlichen Verpflechtungen genauer zu betrachten. Herders Position zur kulturellen Selbstbestimmung der Völker, der Pluralität der Kulturen sowie sein Erfassen des Individuellen, besonderen und lebendigen in der Geschichte und Sprachen der Völker machen ihn bis heute zu einen repräsentativen kulturelle Mittler zwischen Lateinamerika und Europa.
Prof. Dr. Heinz Krumpel ist Philosoph und Freiberuflicher Wissenschafter. Ab 1972 war er an verschiedenen lateinamerikanischen Universitäten in Lehre und Forschung tätig (u.a. Buenos Aires, Santiago de Chile, Quito, Caracas; Gastprofessuren in Lima und Bogotá; 1977-88 Gastprofessor an der Universität INCCA de Colombia). Seit 1989 arbeitet er wissenschaftlich mit der Universidad Autónoma del Estado de México zusammen und hält Vorlesungen und Seminare an den Philosophischen Instituten der Universitäten Wien und Klagenfurt u.a. zu den Themen “Aktuelle Strömungen und Tendenzen des philosophischen Denkens in Lateinamerika” und “Zur Rezeption und Transformation der europäischen und deutschen Philosophie im lateinamerikanischen Kulturraum”. |