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Jahrestagung der ARGE Österreichische Lateinamerika-Forschung 2002
Lateinamerika und Europa - Verflechtungen und Wechselwirkungen

Österreichisches Lateinamerika-Institut
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 up 5 Themenkreis Kultur

5.3 Sonja Pisarek:
Walter und Fridl Loos in Wien und Buenos Aires: Architektur und Modedesign von zwangloser Eleganz.

„Lateinamerika und Europa: Verflechtungen und Wechselwirkungen“ - Eine derartige „Verflechtung“ kann man wohl in besonderem Maße feststellen, wenn man das Leben von österreichischen EmigrantInnen näher beleuchtet, die 1938 nach Lateinamerika auswanderten. In vielfältiger Weise sind neben einigen Kontinuitäten vor allem auch Brüche in der Biografie aufzeigbar, die sich aus den völlig geänderten Lebensbedingungen, dem Verlust der ehemaligen Heimat und der notwendigen – zumindest partiellen – Anpassung an eine bis dato wenig bekannte Kultur ergaben. Wenn es sich jedoch darüberhinaus um ein bereits im Österreich der Zwischenkriegszeit erfolgreiches Künstlerehepaar handelt - er war als Architekt, sie als Modedesignerin tätig - so gewinnt das Begriffspaar „Verflechtungen und Wechselwirkungen“ einen zusätzlichen Aspekt: Wie sehr wirkt sich die Emigration auch auf ihre künstlerische Tätigkeit aus? Walter und Fridl Loos haben es in hohem Maße verstanden, in ihren Werken eine gelungene Verbindung zwischen der in Wien entwickelten Formensprache und der in Argentinien erlebten lokalen Tradition anzustreben, was ihren Arbeiten einen kosmopolitischen Charakter verleiht. Weder leugneten sie die Strömungen der Moderne, die sie in Europa kennengelernt und auch mitgetragen hatten, noch ignorierten sie in Argentinien die autochthonen Formen und Materialien, wodurch es zu äußerst spannenden Verflechtungen kam.

Die Situation der EmigrantInnen, die vor dem NS-Regime in die USA flüchteten, unterschied sich erheblich von jenen, die sich nach Lateinamerika retteten: Erstere betraten das Territorium einer erfolgreichen Nation, die sich seit dem Ersten Weltkrieg als das neue politische und wirtschaftliche Zentrum der Welt etabliert hatte, einer Nation, die aus gutem Grund vor Selbstbewusstsein strotzte. Die Neuankömmlinge strebten daher im allgemeinen eine rasche Integration an. Jene MitteleuropäerInnen, die das NS-Regime zur Emigration nach Südamerika veranlasste, sahen sich hingegen als VertreterInnen einer überlegenen Zivilisation und wurden in diesem Selbstbild von den Einheimischen bestätigt. Nicht einmal Argentinien, innerhalb Lateinamerikas das am höchsten entwickelte Land, konnte seine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber Europa und den USA ablegen. Die EmigrantInnen, die sich an der Peripherie als RepräsentantInnen des (alten) Zentrums fühlen durften, bewahrten sich daher eine gewissen Reserviertheit gegenüber einer Gesellschaft, die sie als unterlegen ansahen.

In die Bewertung des Gesamtwerkes von Walter und Fridl Loos muß daher einfließen, daß sie ab 1940 an der Peripherie des Weltsytems lebten und arbeiteten. Das wirkte sich ohne Zweifel auf die Rezeption ihres Werkes in der früheren Heimat aus. Wer in die USA ging und dort Erfolg hatte, ist für die rückblickende Vereinnahmung durch Österreich wesentlich interessanter als ein Künstler, der in Argentinien, d. h. am „Ende der Welt“, Interessantes geleistet haben mag. "Bedeutung" ist nicht bloß eine Funktion der künstlerischen Qualität, sondern auch von Marktmechanismen. Über das Bauhaus in den USA wurde unter anderem deshalb viel gearbeitet, weil in den Vereinigten Staaten selbst die Mittel existieren, um Themen zu setzen – nicht nur für den lokalen Diskurs, sondern auch im globalen Maßstab. Argentinien hingegen fehlt diese ökonomisch-(populär)kulturelle Macht. Gerade deshalb verwundert es kaum, dass Walter Loos zwar mit seinen Wiener Bauten hin und wieder in Publikationen in Erscheinung tritt - wenn auch eine umfassende Analyse seiner in Österreich und Deutschland entstandenen Arbeiten nach wie vor fehlt -, dass jedoch sein gesamtes argentinisches Schaffen bislang keinerlei Beachtung fand. Fridl Loos scheint in Österreich überhaupt gänzlich in Vergessenheit geraten zu sein, während man ihrem Werk in Südamerika bereits mehrere Ausstellungen widmete.

In dem geplanten Vortrag soll nun also eine Brücke von der Wiener Zeit zu den Arbeiten in der Emigration geschlagen werden, die in einer gänzlich anderen Umgebung, unter anderen sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen entstanden sind. Aber es soll auch versucht werden, das rege gesellschaftliche Leben des österreichischen Künstlerehepaares in Buenos Aires aufzuzeigen, um so Hinweise auf den Grad ihrer Integration gewinnen zu können.

Mag. Sonja Pisarik, geb. 1971, Studium in Wien (Kunstgeschichte, Kulturmanagement), derzeit Mitarbeit bei einem Forschungsprojekt der Historikerkommission; Dezember 2000 bis Juni 2001 Recherchen in Argentinien über das Künstlerehepaar Walter und Fridl Loos – Diplomarbeit „Walter Loos in Wien und Buenos Aires. Architektur von zwangloser Eleganz.“

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