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Die im Tiefland Boliviens lebenden indigenen Stämme blieben bis ins 18. Jahrhundert von den Missionierungsbestrebungen weitgehend ausgespart. In den von den Jesuiten gegründeten Reduktionsdörfern lebte nur ein Bruchteil der Indígenas. Die Guarayos, die die heutige Provinz Guarayos im Norden des Departamento Santa Cruz bilden, wurden im 18. Jahrhundert von den Franziskanern in Missionsdörfern angesiedelt. Zur Missionierung dieses Stammes wandten sie das Reduktionsmodell an. Dieses beinhaltete eine möglichste Abgrenzung von den „weißen“ Siedlern durch Schaffung einer wirtschaftlichen und sozialen Autarkie und schloß mit ein, dass die Patres in den Missionen die weltliche und geistliche Macht innehatten. Die Jesuiten brachten dieses Modell in Paraguay zur „vollendetsten“ Ausprägung, allerdings hat es auch unter den Franziskanern einen langen Entwicklungsstrang, was bisher in der Forschung großteils unberücksichtigt blieb.
José Cardús beschritt einen ungewöhnlichen franziskanischen Weg. Er kam als junger Mann nach Bolivien, verbrachte mehrere Jahre in den Missionen von Guarayos und besuchte – wahrscheinlich als einziger Franziskaner – im Jahre 1882 alle Franziskanermissionen Boliviens. Die Erfahrungen und Eindrücke dieser Reise faßte er im Buch „Las Misiones franciscanas entre los infieles de Bolivia“ zusammen. Es ist aber mehr als eine Bestandsaufnahme, denn es enthält auch Empfehlungen, die zu einer besseren Entwicklung der Missionen – vor allem jener in Guarayos – führen sollten. Cardús trat 1889 aufgrund verschiedener Unstimmigkeiten aus dem Franziskanerorden aus. Trotzdem wurde in den Missionen von Guarayos bis 1921 an der Umsetzung einiger seiner Empfehlungen – wenn auch nicht offenkundig – gearbeitet. Diese betrafen sowohl die „intellektuelle“ und „religiöse“ Ebene als auch die „materielle“ Ebene. Besonderen Einfluß übte er auf die Entwicklung des Schulwesens aus, sodass sich hier „Anspruch“ und „Wirklichkeit“ relativ nahe kamen.
Gertraud Sanin, geboren 1969 in Bozen (Südtirol). Von 1988 bis 1993 Tätigkeit als Buchhändlerin und Bibliothekarin und Ausbildung in diesem Bereich. Von 1993/1994 bis 2001 Studium der Geschichte und Germanistik (Lehramt) an der Universität Innsbruck, nebenher Berufserfahrungen in verschiedenen Bereichen. Diplomarbeit bei Prof. Franz Mathis (Wirtschafts- und Sozialgeschichte), im Rahmen derselben dreimonatiger Forschungsaufenthalt in Bolivien. Derzeit freie Mitarbeiterin eines Kulturprojektes im Eisacktal (Südtirol). |