Geboren Anfang der 1950er Jahre wächst Chana im kleinbäuerlichen ranchito Chepilme auf. Infrastrukturelle Einrichtungen gibt es zu dieser Zeit noch nicht und der Arbeitsalltag richtet sich nach Anbau und Ernte und wird durch rituelle und profane Handlungen strukturiert. Schon ihre Großeltern haben dort als Kleinbauern gelebt und auf subsistenzwirtschaftlicher Basis Feldbau und Kleintierzucht betrieben. Chana besucht nie eine Schule, da ihre Arbeitskraft im Haushalt, am Feld und am Markt einen wichtigen Beitrag für das Überleben ihrer Familie darstellt.
Mit 17 Jahren heiratet sie Jorge und zieht in das Haus ihrer Schwiegermutter. Dort muß sie sich der älteren Frau unterordnen und entwickelt erstmals widerständige Reaktionen gegen deren Autorität. Zu dieser Zeit macht sie noch eine neue Erfahrung: Die Mutterschaft, als ihr erster Sohn mit Hilfe einer Hebamme geboren wird. Dadurch formt sich ihre Identität von der eines Kindes zur erwachsenen Frau und Mutter, was auch ihre soziale Wertigkeit innerhalb der Gesellschaft verändert. Jorge überläßt Chana schon bald die alleinige Verantwortung für die Versorgung der Familie. Als die Familie in einen eigenen Haushalt zieht, kann sich Chana durch marktwirtschaftliche Tätigkeiten und Viehhaltung eine ökonomische Unabhängigkeit schaffen. Diese garantiert ihr zwar ein gewisses Machtpotential, wodurch sie relativ autonom ihre Alltagsstruktur bestimmen kann. Die zusätzliche Arbeitsbelastung ist aber auch eine enorme physische und psychische Belastung.
Ende der 1970er Jahre wird besonders der kleinbäuerliche Sektor durch die rapide Industrialisierung Mexikos von den Zyklen der kapitalistischen Produktion abhängig. In dieser Zeit sind bereits zwei der insgesamt vier Kinder schulpflichtig, was zu erhöhten Ausgaben führt. Auf der Suche nach besseren Einkommensmöglichkeiten übersiedelt die Familie in das vorwiegend mestizische Fischerdorf Puerto Ángel. Chana wird dadurch aus ihrem sozialen Sicherheitsnetz herausgerissen und mit “fremden“ Menschen konfrontiert, deren soziale Beziehungen durch die Konsumorientierung einer kapitalistischen Gesellschaft brüchig sind. Auch der direkte oder indirekte Kontakt mit in- und ausländischen Touristen und der Einfluß der Massenmedien lassen Chana eine Pluralität von Lebensweisen erkennen. Diese ängstigen sie vor allem und sie muß sich erst daran adaptieren. Ihre Familienstruktur verändert sich von der einer Großfamilie auf eine matrifokale Kleinfamilie, deren tragende Säule Chana ist. Durch ihre Arbeit als “schlechtbezahlte Dritte“ (Braig 1992) ermöglicht sie trotz fehlender sozialstaatlicher Absicherung oder finanzieller Unterstützung ihres Mannes das Überleben und die schulische Ausbildung ihrer Kinder.
Als Jorge den gemeinsamen Haushalt “offiziell“ verläßt, um seinen Lebensmittelpunkt in die “casa chica“ zu verlegen, haben die beiden 6 Kinder. Die drei ältesten haben die Schule bereits verlassen und tragen zum Haushaltseinkommen bei. Zwei besuchen die Pflichtschule und die jüngste Tochter ist 4 Jahre alt. Zwei Jahre nach der Trennung bekommt Chana ihr siebentes Kind von Jorge, wodurch sie öffentlich die Treue zu ihrem untreuen Ehemann demonstriert. Gerade als vom Ehemann verlassene, alleinstehende Frau am unteren Rand der sozialen Struktur wäre sie den chismes (Tratsch) der anderen Frauen ausgesetzt. Durch die hohe moralische Wertigkeit und Idealisierung der “ewig leidenden Mutter“ kann sich Chana jedoch ihren Stolz und ihr positives Selbstbild bewahren und sich dadurch den respet der anderen Frauen sichern.
Als “Produktionsmittellose“ muß sich Chana ihren eingeschränkten sozialen Raum durch eine legitime Außenorientierung erweitern. Sie tritt in ein “informelles“ Lohnarbeitsverhältnis ein, wo sie innerhalb eines geschützten Rahmens einerseits soziale Beziehungen aufbauen kann. Andererseits erhält diese schlechtbezahlte Arbeit durch die sichere Entlohnung und dem hierarchischen Verhältnis zur patrona einen scheinbaren Sinn.
Um die Nutzungsrechte für ein Stück Land zu erhalten - und damit ein eigenes Heim - hat Chana mit ihren Kindern ein unbearbeitetes Stück monte der Propiedad Comunal gesäubert, gerodet und mit Pflanzen bebaut. Dafür mußte sie ihr Wissen im Umgang mit öffentlichen Institutionen erweitern, zu ihrem Vorteil nutzen und als aktive soziale Akteurin die imaginären Grenzen patriarchaler Gesetze überschreiten:
„Porque mucho se ha visto eso de la vida, ahorita de las mujeres. Yo ya no quiero que sufran mis hijas lo mismo que yo sufrí. Que cambian pues, que cambian sus vidas ellas. No pues, que bueno, ¿no?“ (Chana, im Mai 1998) |