Die verschiedenen indianischen Weltsichten und Glaubensvorstellungenkonstituieren Kultur in vielfältigen Ausformungen, vor allem durch schamanische Praktiken, Jahres-/Lebenszyklusriten, Traum- und Visionskonzepte, Polarisierung und/oder Zentralisierung der Welt, Vorstellungen von Tod und Wiedergeburt, Konfrontation von Schöpfer und Widersacher. Sie gestalten, gliedern und deuten Lebenswelt und Umwelt, sie erklären Leben und Tod sie bestimmen Zeit und Raum und ihr Verhältnis zueinander und sie durchdringen alles, was an Erfahrung erworben wurde. Sie regeln Verhalten als überlieferte Tradition und manifestieren sich in Mythen, Gebeten, Ermahnungen, Rezitationen, Versammlungen, Festlichkeiten, Riten, Musik, Tanz und in den Zeichen (vgl. Mader 1994; 2001; Renner 2000:27).
Begrifflich wird zwischen Weltsicht und Weltbild differenziert. Ersteres bezeichnet die Art und Weise, in der das Universum und das Einzelwesen auf einander einwirken; das heißt die Vorstellung des Individuums von der Wirklichkeit. Weltbild hingegen beschreibt die umgesetzte Idee von der Zusammensetzung/Darstellung des Universums.
Jede indianische Kultur hat ihren eigenen Ausblick auf die Welt. Doch ist ihnen allen mehr oder minder ein Aspekt zu eigen, den man Sinn für Einheit oder Ganzheit nennen könnte. Kennzeichnend für indianische Glaubensvorstellungen ist die Vernetztheit im Denken und die Integration des Sakralen in den Alltagsbereich. Die daraus resultierende Komplexität der jeweiligen indigenen Religion verlangt eine vernetzte Zugangs- und Sichtweise, denn nur in ihrer Gesamtschau werden die zugrundeStrukturen sichtbar.
Die alten Mythen erzählen, daß die Welt von rayenari - dem Sonnengott - und metzaka - der Mondgöttin erschaffen wurde. Ihnen zu Ehren tanzen, opfern und feiern die Tarahumara. Und weil die Gottheiten es wollen, werden die alten Formen immer wieder belebt, aber auch, weil sie sich als richtig und nützlich erwiesen haben.
Die Riten haben einen konkreten Bezug zur sozialen Wirklichkeit der Tarahumara und sind somit zentraler Bestandteil ihrer Gesellschaft (vgl. Deimel 1997:243). Jedes Ritual hat praktische Funktion, indem es das Gleichgewicht in der Natur wiederherstellen oder die Menschen, ihre Ernten und ihre Herden vor Unglücksfällen schützen soll. Die Natur - gesehen als ein lebendiges Ganzes. Die verschiedenen (Seelen)kräfte manifestieren sich in unterschiedlichen Daseinsformen (lebenden/ verstorbenen) Menschen, Tieren, Pflanzen). Der Übergang zwischen Natur/Natürlichem und Über-Natürlichem ist fließend; es gibt keine feste Grenzziehung/ Abgrenzung. Durch gelebte Spiritualität wird der bedrohliche Aspekt von Natur bewältigbar (vgl. Renner 2000:23f.).
Riten sind die Zäsur im Zeitgeschehen, welches zyklisch verläuft, orientiert am landwirtschaftlichen Jahresrhythmus. Diese Wirklichkeit schließt das materielle Leben und die Traumwelt ein. In den anderen Bewußtseinswelten agieren religiöse SpezialistInnen (owirúame). Mittels Träumen (rimua) nehmen sie den Kontakt zu anderen (Seelen)kräften auf, erkennen so auch verschiedene Krankheitsursachen. Sie gestalten die Ritualabläufe, sind moralische, manchmal auch politische Instanz.
Wie irreführend es sein kann, Tarahumara-Glaubensvorstellungen zu generalisieren, zeigt Meyer Levi (1993) auf, indem er die Fluktuation präkolumbischer und christlicher Elemente bei christianisierten (pagótame) und nicht-christianisierten (tasi pagótame) Tarahumara analysiert. Er meint, wenn davon ausgegangen wird, daß christianisierte Tarahumara ein synkretistisches Christentum praktizieren, dann haben die nicht-christianisierten Tarahumara ein synkretistisches Heidentum ausgeformt. Beide Gruppierungen weisen damit hybride Identitäten auf, indem sie selektiv hispanische Kulturelemente aufgenommen haben.
Aufgrund dieser Fluktuation ist auch nur eine idealtypische Annäherungan Kosmologie, Ritual, Mythen und Symbolik möglich; welchein der gelebten Praxis immer die Abweichung von der gedachten Norm möglich werden lassen. Es existieren auch nicht bloss zwei Weltsichten (christianisiert versus nicht) nebeneinander, sondern ein breites Spektrum unterschiedlicher Grade von nicht-, über teilweise-, bis angepasst/vollständig christianisiert nebeneinander. |