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Jahrestagung der ARGE Österreichische Lateinamerika-Forschung 2002
Lateinamerika und Europa - Verflechtungen und Wechselwirkungen

Österreichisches Lateinamerika-Institut
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 up 7 Hypertexte
 up 7.1 Evelyne Puchegger-Ebner:
Die duale Gottheit - zum Bild des Weiblichen in Mythos und Ritus bei den Tarahumara.
 up 7.1.5 Der Tarahumara-Kosmos

7.1.5.3 Das Scheiben-Modell

Das Scheiben-Modell

Das Scheiben-Modell findet seine symbolische Entsprechung im Tanzplatz, dem genauen Abbild des Tarahumara-Kosmos im Kleinen. Die runde Form des Tanzbodens ist das Zeichen der Kosmos-Scheibe mit dem Zentrum des Tanzplatzes als Symbol für das (territoriale) Gebiet der Tarahumara. Im Osten - bei der Wüste von Chihuahua - wächst die mächtige Heilpflanze Peyote. Daher wird der Peyote-Altar auch im immer Osten aufgestellt; ihm gegenüber im Westen des Tanzplatzes agiert der Peyote-Heiler.

Wie beim sphärischen Modell sind auch hier die Kosmoshälften den Geschlechtern zugeordnet. Gemäß der zeremoniellen Form stehen die Frauen immer rechts, die Männer immer links der Sonnenlinie - gesehen von Westen nach Osten (vgl. Deimel 1997:134).

Vor dem Haus oder im Maisfeld wird ein Tanzplatz angelegt. Zwei grosse Kreuze im Osten aufgestellt - zeigen, dass die christliche Trias die indigene Dualität noch nicht verdrängt hat. Christianisierte Tarahumara zentrieren die Kreuze und fügen den männlich/weiblichen Gottheits-Symbolen ein drittes hinzu, welches als Zeichen für den Morgenstern erklärt wird. Vor den Kreuzen wird eine kleine hölzerne Plattform oder ein niedriger Altar (aus Steinen mit darüber gelegten Brettern) für die Speise- und Trankopfer errichtet. Vor jedem Kreuz eine Schale mit Räucherwerk.

Die Unterwelt-Wesen bzw. jene des Urmeeres/der primordialen Wasser, welche die Erde an den unteren Rändern begrenzen, werden durch ein kleines Kreuz - meist an der westlichen Peripherie des Tanzplatzes - repräsentiert. Dieses kleine Kreuz steht auch für den Teufel und/oder Krankheit. Ein weiteres - kleines - für los animalitos.

Das Opfern des Maisbiers himmelwärts und in die Kardinals-Richtungen gibt die kosmogonische Besiedelung der Erde symwider. Wenn der sawéame - der Zeremonienmeister - oder die Gastgeber eines Festes das Ritual eröffnen, indem sie eine Kalebasse mit Maisbier himmelwärts und Kardinals-Richtungen schütten, so regnet es dieses Bier auf den Tanzboden herunter. Dies setzt mimetisch die Schöpfung wieder in Kraft. Es gibt eine Versionen des Tarahumara-Schöpfungsmythos, welche davon berichten:

"... daß Gott die Tarahumara erschuf, indem er in der Mitte der Erde stand und Maisbier hinauf zu den vier Haupthimmelsrichtungen schüttete. Dort, wo das verschüttete Bier auf die Erde herniederfiel entstanden die zerstreuten Siedlungen (rancherias) der Tarahumara." (vgl. Meyer Levi 1993:488)

Tänze gelten als Kommunikation mit den Gottheiten, daher ist der Tanzplatz das Zentrum des sozialen und spirituellen Lebens der Tarahumara-Gesellschaft. Hier finden sozio-politische Zusammenkünfte statt, werden Opfer dargebracht, die verschiedenen Jahres- und Lebenszyklus-Rituale abgehalten und Krankheiten geheilt. Die meisten Krankheiten sind für die Tarahumara ihrer Art nach psycho-physiologisch. Sie sind somit über die Ebene der Psyche im Ritual heilbar.

Frauen stehen am Beginn des Lebens, indem sie es weitergeben - Männer am Ende, wenn sie die Toten zu Grabe tragen. Frauen, welche der Heilberufung folgen, sind oft im Geburtsbereich (als Geburtshelferinnen, Feuerzeremonien-, Fontanellen-HeilerInnen, etc.) tätig. Zwingend ist dies nicht. Bis auf die Institution des sipáme, des Peyote-Schamanen, können Frauen ebenso wie Männer alle Sparten der Heilkunde erlernen. Generell sind die religiösen SpezialistInnen in drei bis vier Heilbereichen ausgebildet. PatientInnen müssen sich die ihrer Erkrankung entsprechenden curanderos/as suchen.

Leben und Tod - beides findet symbolisch und real - in Höhlen statt. Diese fungieren als Orte der Geburt, als Wohnstätte und traditioneller Bergäbnisplatz; viele Tarahumara assozieren damit auch Vorstellungen wie mütterliche Geborgenheit, Ort der Transformation; der Erneuerung und Wiedergeburt - eine Symbolik, die sich durch viele Tarahumara-Mythen und Riten zieht und in den Aufstiegsmythen seine adäquate Entsprechung findet (vgl. Meyer Levi 1993:169).

In den Aufstiegsmythen wird der Aspekt der weiblichen Fruchtbarkeit und Prokreativität, welche dem Aufsteigen inhärent ist, über das Höhlenmotiv der Geburt, oder durch die enge Verbindung zur (Mutter) Erde tradiert: Das Aufsteigen berichtet von vier Welten, die übereinander gelagert sind. Die Menschen klettern durch ein Loch in der Höhle (der alten, versinkenden Welt) in die nächste neugeborene (vgl. Erdoes 1984:76).

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