Zwei einander kreuzende Achsen bilden das Grundgerüst des Tarahumara-Kosmos. Die überlieferten Himmelsrichtungen sind Kardinalpunkte und als solche nicht mit den Kompaßrichtungen ident, sondern konstituieren sich aus Osten und Westen, sowie Oben und Unten. Norden und Süden spielen im traditionellen Zeremonialraum keine Rolle.
Die Längsachse verläuft zwischen den Kardinalpunkten repá (Oben) und mitú (Unten). Oben ist der Himmel mit dem dualen Götter und den Vorfahren der Tarahumara. Unten steht für die Unterwelt, den Teufel und die Vorfahren der chabochi - der Weißen und Mestizen (vgl. Deimel 1997:134).
Unterschiedliche Vorstellungen von Göttlichkeit kommen nebeneinander vor. Die Varianten existieren nebeneinander, werden oft abwechselnd verwendet:
Eine Weiterführung des präkolumbischen Gottesbegriffes ist gegeben, wenn onorúame, dasmännliche Prinzip eyerúame, dem weiblichen Prinzip gegenübersteht. In diesem polaren Denkschema wird ersteres durch die Sonne, zweiteres durch den Mond symbolisiert. Es gibt keine Wertung und keine Hierarchie. Männliches und weibliches Prinzip befinden sich im Kräfte-Gleichgewicht.
Mit dem Einfluß des Christentums erscheint ein volkstümlicher tata diosi (oder tata rioshi). Er ist mit Maria, la virgen, verheiratet. Die christliche Symbolik in Gestalt von Gott und Maria überlagert die dualen Gottheiten der Tarahumara, Sonne und Mond: Die Göttin wird zur Ehefrau. Sie weisen aber viele Eigenschaften und Merkmale der ursprünglichen Gottheiten auf und wurden in die Tarahumara-Weltsicht integriert.
Die christliche Idee von onorúame als eine männlich und weiblich gedachte Einheit wurde von der Mission eingeführt. Die katholische Kirche ist bestrebt, den monotheistischen Gottesbegriff männlicher Prägung durchzusetzen. Sie lancierte das (vorübergehende) Konzept von onorúame – als angeblich männlich-weiblichliches Prinzip in einer Person. De facto wurde ein männlicher Gottesbegriff in Form von tata diosi, dem volkstümlichen, männlichen Gott etabliert. Der weibliche Teil der Gottheit wurde so zuerst absorbiert und dann negiert. Dieses Gottesbild findet vor allem durch die verschiedenen christlichen Kirchen Verbreitung. Mann will damit dem biblischen Patriarchalismus zum Durchbruch verhelfen.
Die Probleme in bezug auf den Gottesbegriff beginnen schon auf der sprachlichen Ebene: Gott im Spanischen wird rein männlich gedacht und zwar ohne jegliche weibliche Konnotation. Diese monistische Auffassung widerspricht den dualen Vorstellungen der Tarahumara, welche eine Mann/Frau-Beziehung (oder auch Ehe) als Symbol männlicher und weiblicher Komplementarität sehen, die auf der Zweiheit der indianischen Weltsicht fußt.
Die Tarahumara kennen keinen einheitlichen Gottesbegriff, denn dieser veränderte und verändert sich unter dem Einfluß der Christianisierung und dem Prozeß der Mestizisierung der Tarahumara-Kultur.
Die Welt wird - mit Blick nach Sonnenaufgang - in eine linke und eine rechte Hälfte unterteilt. Diese Kosmoshälften sind den Geschlechtern zugeordnet: Die sind Frauen immer rechts, die Männer immer links der Sonnenlinie - gesehen von Westen nach Osten - angesiedelt (vgl. Deimel 1997:134).
Der Kosmos besteht aus sieben übereinander liegendenEbenen (namúkame, namókame), wobei die Unterseite der einen die Oberseite der darunterliegenden konstituiert. Alle sieben Welten haben dieselbe Gestalt: Sie sind flach und rund wie reméke (tortilla) oder awírachi (der Tanzboden vor dem Haus), sind vom Urmeer umgeben und werden gleichermaßen von Menschen, Tieren und Pflanzen bevölkert.
Die Ebene auf der die Menschen leben - die Erde - ist die mittlere. Manche Tarahumara glauben, daß sie von einem Damm umgeben wird, der die ozeanischen Fluten zurückhält. So wird eine Überflutung der Erde durch die primordialen Wasser verhindert.
Im Ritual wird die mittlere Ebene oder Erde durch die Opfergaben, die am Tanzplatz dargebracht werden und die tanzenden Frauen und Männer symbolisiert.
In der Mitte jeder namúkame (Ebene) in der Oberwelt ist eine Öffnung, durch welche die Tarahumara mit Gott kommunizieren können. Wenn sie träumen, wenn sie bei Zeremonien betrunken sind und wenn sie sterben, gehen ihre Seelen durch dieses Loch, um Gott nahe zu sein. Ein eben solches Loch gibt es in jeder der Unterweltssphären - es ermöglicht mit Unterweltwesen in Kontakt zu treten und mit den chabochi, die ja nach deren Tod dorthin kommen.
Obwohl allgemein angenommen wird, daß sich die Welten ziemlich gleichen, gibt es etliche die meinen, dies treffe nur auf die mittleren und oberen zu. Die Unterwelt wäre ein dunkler Ort mit kleinen Lichtern und vielen Geschäften wie in den Städten der chabochis. Onorúame ( Der eine, der Vater ist ) und eyerúame ( Die eine, die Mutter ist ) bewohnen die höchste Ebene der Oberwelt; sie sind Tarahumara und auch wie diese gekleidet.
Konsequenterweise wird der Teufel als chabochi vorgestellt - mit Bart und in der ruralen Bekleidung der Mestizen. Der Teufel (diablo, riavlo, chamuko) ist der ältere Bruder Gottes und bewohnt mit seiner Frau die tiefste Ebene der Unterwelt. Manche Leute glauben, daß auch die Frau des Teufels einen Bart hat.
Die Mythen berichten, dass Gott und der Teufel oft miteinander kämpfen, aber meist gewinnt Gott - da ihm die Tänze und Opfer der Tarahumara Kraft und Energie spenden.
In den Mythen überschneidet sich das (rivalisierende) Zwillingsbrüder-Motiv des Südwestens mit der Potenzierung, welche die große Macht der aztekischen Gottheiten kennzeichnet, sowie deren Position als Gegenspieler: Gott und der Teufel mögen einander bekämpfen, aber sie sind mit keiner ideologischen Gut/Böse-Wertung (wie im Christentum) verbunden:
"God and the Devil may be opposed to each other and identified ethnically as Rarámuri and Chabochi, but they are not associated with the quintessence of Good and Evil as they are in Christian ideology" (Meyer-Levi 1993:436).
Sie sind mächtige Wesen, die einander in Feindschaft gegenüberstehen, und trotzdem doch irgendwie miteinander auskommen und ver-handeln , weil sie sich gegenseitig bedingen und brauchen.
Das Totenreich erscheint als ein Ort der Umkehrungen: Die Vorstellung, daß der Himmel über der Erde die Unterwelt des Tarahumara Gottesreiches ist, suggeriert, daß die Seelen, wenn sie von dieser Erde in die nächste Welt aufsteigen - sie sich wie durch ein Vergrößerungsglas (dem Himmelsloch) in die nächste Sphäre bewegen. Daher ist dort auch alles umgekehrt (im Verhältnis zur Erde): Dasselbe gilt auch beim Abstieg durch das Höllenloch - unsere Erde ist der Himmel der Hölle .
Die meisten Tarahumara nehmen an, daß sie nach dem Tod zu Gott gelangen werden - nicht weil sie ein so belohnenswertes Leben geführt haben, sondern weil sie in ihrer ethnischen Gesamtheit (auf Grund ihrer Weltsicht) die Abkömmlinge, die Kinder ihrer Gottheiten sind.
Selten, aber doch: Tarahumara, die in ihrem Leben Handlungen gesetzt haben, die sie vom Himmel ausschließen, können nichts tun, um dieses Schicksal abzuwenden. Jede Strafe, die sie erwartet, wird jedoch schnell vollzogen und ist von kurzer Dauer. Das bezieht sich auch auf die Zerstörung der Seele im Fall von schweren Verbrechen. Die christliche Leidenschaft für Reue - Erlösung, beziehungsweise ewige Verdammnis und Pein passen nicht in die Welt(sicht) der Tarahumara (vgl. Merrill 1983b:304).
Entsprechend der Tarahumara-Kosmologie wird die Seele in der nächsten Sphäre oberhalb der Erde wieder geboren, lebt hier ein weiteres Leben, stirbt, gelangt auf die nächst höhere Ebene, bis sie schließlich im obersten Himmelsbereich der beiden Gottheiten anlangt. All diese Ebenen stellen sich als verkehrte Welten dar.
Die Entstehung des Todes wird mythologisch zu erklären versucht:
"...God asked them whether they wanted to continue living forever. He warned them that if they kept on having children the world would soon be filled with Rarámuri and the cornmeal and beans would no longer be sufficient for everyone. He told them that if they continued to live forever they would have to refrain from having children. And so they all continued talking, and because everyone thought a different way, God made them take a vote and those who still felt new (the young ones) won with just a few extra votes, preferring to live a short time here, but sharing their lives with their wives and having children. They said it was better to have a short contented Iife than a long one without mirth; and that anyway, Onorúame promised them one of the three floors of heaven, and once there, everything would continue the same" (Wheeler 1993:55-57).
Am äußeren Rand der namúkame, der kosmischen Scheiben, befindet sich eine Anzahl hoher Stützpfeiler, eine Reihe kosmischerSäulen (tóna), welche die darüberliegende Ebene tragen. Die Meinungen über deren Zahl (zwei, vier, sechs, viele - entlang des Randes) variieren. Unterschiede gibt es auch in der Hinsicht, ob diese Säulen nur den Himmel oder die ganze kosmische Scheibenkonstruktion - von der untersten bis zu obersten abstützen.
Die meisten nicht-christianisierten Tarahumara (tasi pagótame), aber auch die pagótame - die christianisierten Tarahumara - sehen die kosmische Verantwortung der Nicht-Christianisierten darin, daß deren Seelen im Traum zu diesen Säulen reisen und sie bewachen. Und solange sie das tun, solange sich die nicht-christianisierten Tarahumara (tasi pagótame) nicht taufen lassen, bleibt der indigene Kosmos, dessen Stütze sie sind, bestehen (vgl. Meyer-Levi 1993:427f.). Sollten die nicht-christianisierten Tarahumara ihre Wächterfunktion aufgeben, brechen die Säulen zusammen und die Welt versinkt in den undifferenzierten Wassern des primordialen Chaos. |