Keine trans-gender-Ideale: Viele indigene Gesellschaften kennen ein drittes oder viertes Geschlecht, welche allerdings eine feststehende Grösse in der jeweiligen Gesellschaft darstellen. Ähnlich verhält es sich bei den Tarahumara: Drittes und viertes Geschlecht werden als fixe Kategorien verstanden. Männliche und weibliche Homosexualität wird unvoreingenommen akzeptiert, solange die PartnerInnen eine klare, polarisierte Rollenverteilung leben (vgl. Irigoyen-Rascon 1989:173).
Die judo-christliche Sichtweise "Mann : Frau = aktiv : passiv = dominant : unterwürfig", welche für die euro-amerikanischen Geschlechterrollen bestimmend war, kann bei der Definition/Beschreibung des Tarahumara-Geschlechterverhältnisses nicht herangezogen werden.
Das indigene Geschlechterverhältnis wird über das Kriterium der Komplementarität als wichtige Komponente der geschlechtlichen Arbeitsteilung bestimmt. Nur durch das Zusammenspiel von weiblichen und männlichen Elementen ist das Funktionieren der Gesellschaft gesichert (vgl. López Austin 1977). "Mann : Frau" verhalten sich wie die zwei Hälften einer arbeitsteiligen Gemeinschaft; ausgedrückt wird dieses gesellschaftliche Ideal durch die Paarbeziehung.
Susan Kellogg (1997) hat den Begriff der Geschlechterparallelität geprägt. Darunter versteht sie, dass das Verhältnis der Geschlechter in zu einander parallel angelegten gedanklichen, sprachlichen und sozialen Lebenswelten von Männern und Frauen organisiert ist. Sie ortet die Grundlage für die Geschlechterparallelität in ganz bestimmten Vorstellungen der Kultur, die auf symbolischer Ebene durch Trennen und Vereinen von Gegensätzlichkeiten operiert und durch ein bilaterales Vererbungsverstärkt wird, ferner durch spezifische Eigentumsverhältnisse, der Trennung zwischen einem männlichen und einem weiblichen Tätigkeitsbereich.
Dies trifft zum Teil auch auf die Tarahumara zu. |