Nach Tarahumara-Vorstellung ist der Platz der Seele im Herzen. Wenn die Seele das Herz verläßt, stirbt das Individuum.
Da der Mensch mehrere (verschieden große) Seelen(anteile) besitzt, tritt der Tod erst ein, wenn sich die große Seele oder alle Seelen vom Körper lösen. Trunkenheit, Müdigkeit oder Krankheit bewirken nur eine partielle, vorübergehende Loslösung.
Hauptsitz der großen Seele(n) ist das Herz; es fungiert als emotionales und vitales Zentrum. Da das Herz Zentrum der Emotionen und einer der Hauptsitze der Seelen ist, werden Emotionen zur Seele gehörig interpretiert. Weiters können große Seelen im Kopf, dem Sitz des Verstandes und Denkens vorkommen; Seelenstärke konstituiert sich somit aus emotionalen und geistigen Fähigkeiten (vgl.Merrill 1988:95).
Der hohe Stellenwert der dem Begriff Seelenstärke zukommt, drückt sich als Beurteilungskriterium für HeilerInnen aus: Sie werden nur anerkannt, wenn sie idealtypisch emotionale und geistige Qualitäten in ihrer Person vereinen: Einerseits müssen sie die emotionale Fähigkeit zu träumen beherrschen - also schamanische Techniken erlernen, andererseits sollten sie diese auch dem Richtigen Denken gemäß einsetzen (vgl. Merrill 1988:97).
In Traumerlebnissen erfahren religiöse/rituelle SpezialistInnen ihre Berufung. Manchmal gehen SchamanInnen bei älteren und erfahrenen KollegInnen in die Lehre, manchmal erlernen sie ihre Techniken und Heilpraktiken fast ausschließlich in Träumen.
Die Fähigkeit zu träumen - zur Kontaktaufnahme mit anderen Wirklichkeiten und Wesen des Universums - liegt jenseits der moralischen Ebene. Sie ist eine Begabung, die nicht nach moralischen Kriterien bewertet werden kann. Erst die geistige Fähigkeit (zur Beurteilung), die Qualität des Denkens, unterscheidet den/die HeilerIn von der/dem Hexe(r). Diese sind Personen, welche falsch denken .Sie vermögen nicht nur zu heilen, sondern auch Schadenszauber durchzuführen und werden daher gefürchtet. Nur HeilerInnen, deren Kräfte jenen der/dem Hexe(r) überlegen sind, können die Erkrankten heilen (vgl. Merrill 1988:132).
Sowohl Männer, als auch Frauen können als religiöse/rituelle SpezialistInnen schamanische und allgemeinmedizinische Techniken erlernen - gemäss dem (indianischen) Konzept der charismatischen Persönlichkeiten, bei dem Macht als ein Kraftzuwachs verstanden wird. Es basiert primär auf der Fähigkeit; traditionelles Wissen in einem geschlechtsspezifischen Kontext zu erwerben und anzuwenden. Beide Geschlechter partizipieren in diesem System des erworbenen Status (vgl. Mader 1999a:419-429; 1999b:144-148). |