Siedlungsform, Sozialstruktur und Ökonomie der Tarahumara bedingen einander wechselseitig: Sie leben verstreut in allein stehenden Gehöften (ranchos), die von den dazugehörigen Feldern umgeben sind. Diese Streusiedlungen (rancherias) bestehen meist aus zwei bis fünf Haushalten einer bilateralen Verwandtschaftsgruppe. Darüber hinaus gibt und gab es keine formell organisierten Verwandtschaftsgruppen. Jedes Gehöft wird von einer Familie bewohnt und bewirtschaftet, wobei den Kern eines Haushaltes die Kleinfamilie bildet: Sie besteht aus Ehefrau, Ehemann und ihren unverheirateten Kindern, manchmal auch noch aus unverheirateten, verwitweten Verwandten (vgl. Deimel 1980:43).
Die Tarahumara sind zwar eine full-time-face-to-face-community (Kremser 1998:141f.), existieren aber nicht isoliert in einem menschenleeren Raum , sondern sind in ein mestizisches Umfeld eingebettet. Die ethnische Abgrenzung gegenüber der mexikanischen Dominanz-Kultur erfolgt mittels des Konzeptesvom Richtigen Denken .
Besitzregeln und Erbrecht gewährleisten beiden Geschlechtern gleiche Rechte in der Erbfolge, das heißt sowohl Männer als auch Frauen haben individuelle Besitzrechte an Land und Vieh. Sie behalten ihren Besitz auch während des Zusammenlebens und geben ihr Land an Söhne und Töchter weiter - indem innerhalb der Geschlechtslinie vererbt wird. Das individuelle Besitzrecht hilft auch bei Scheidungen, da beiden Ex-Partnern eine wirtschaftliche Basis bleibt. Dieses traditionelle - an die ökologische Situation angepaßte und für die Frau vorteilhafte Erbschaftssystem - wird langsam aufgegeben, da es nicht mit den rechtlichenStrukturen des mexikanischen Nationalstaates kompatibel ist (vgl. Deimel 1979:44f).
Exogamie ist oberstes Gebot beim Heiratsverhalten. Da Ehen im Idealfall nur zwischen Partnern geschlossen werden können, die nicht bilateral verwandt sind, kommen Verbindungen innerhalb eines engeren Wohngebietes selten vor. Man/frau suchte und sucht sich den zukünftigen Ehepartner vielmehr von weiter entfernten Orten. Das Exogamieverhalten zusammen mit dem Erbrecht führt zu großer räumlicher Streuung des Landbesitzes und Mobilität.
Soziale Beziehungen zwischen benachbarten oder verwandten Haushalten sind oft oberflächlich und von Zurückhaltung geprägt, was dem generellen Sozialverhalten der Tarahumara im Alltag entspricht. Die Konfliktbereinigung hebt man/frau sich für die tesgüinada auf. Dies legt nahe, daß das Oszillieren zwischen den beiden Polen soziale Abstinenz über längere Zeiträume einerseits und kurzfristig massiv erlebter Gruppenkontakt andererseits den Vorstellungen der Tarahumara von Kommunikation und sozialen Interaktionen entspricht. Trotzdem wird die Gemeinschaft wertgeschätzt, denn sie bietet Rückhalt in Notzeiten. Eine Kultur der Gegenseitigkeit (Bennholdt-Thomsen 1998:70), welche nach dem Prinzip der Reziprozität, dem wechsel Geben und Nehmen funktioniert, etablierte sich.
Die politischeMacht rekrutiert sich über das traditionelle Wissen, dem Schamanismus. Sowohl Frauen als auch Männer können sich schamanisches Wissen aneignen. Auf der rancho Ebene - im Rahmen der Maisbierfeste werden sozio-politische Entscheidungen getroffen, - hier sind die Frauen ins politische Geschehen einbezogen.
Der ideologische spanische Überbau brachte das pueblo-System und die damit verbundene Ämterhierarchie. Die übergestülpten spanischen sozio-zeremoniellen Strukturen drängen die Frauen an die Peripherie, indem sie die Männer politisch ein- und die Frauen ausschließen. Politische Beteiligung der Frauen ermöglicht dieses Ämtersystem nicht.
Sowohl die zentralistische Ämterhierachie des pueblo, als auch die egalitäre rancheria-Gesellschaft bilden die elementaren Strukturen des Tarahumara-Gemeinwesens. Diese fundamentalen sozialen Organisationsformen kommen in der gesamten Regionvor (vgl. Kennedy 1996:137).
Der mexikanische Staat wird auf der regionale Ebene durch die munizipalen Verwaltungszentren und Gerichte vertreten. Es wird versucht, die ziemlich ungebunden agierenden Tarahumara immer mehr in das Staatssystem einzubinden um so effizientere Kontrolle über sie ausüben zu können. Die Einbindung erfolgt u.a. über Geburteneintragung einer jährlichen Steuereinhebung und der Registrierungspflicht bei Rindern. |