Frauenselbstverständnis und ein gesellschaftlich anerkannter Stellenwertkonstituiert sich nicht zwangsläufig in Abhängigkeit von Bildung, sondern über sozio-ökonomische und gesellschaftspolitische Faktoren, welche im Symbolbereich ihren Ausdruck finden. Frauenmacht wird in Abhängigkeit zur jeweiligen Kultur gelebt, bedeutet unterschiedlichen Zugang zu den kulturellen Machtfeldernund entwickelt Strategien in Anpassung an die jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten.
In den kulturellen Geschlechterrollen sind Normen, Werte und Machtder jeweiligen Kulturen eingeschrieben, sie manifestieren sich (u.a.) in Arbeits,- Besitzverhältnissen, Erbrecht, sozialer Kompetenz, bestimmten Interaktionsmustern der Geschlechter, Reproduktion und dem religiösen Symbolbereich (vgl. Lenz 1995:49-52).
Weltbild und symbolische Ordnung wirken sich normativ auf die Gesellschaft aus, bedingen einander und finden ihren Niederschlag in der sozialen Praxis. Untersuchungen des religiösen Symbolbereiches (Glaubensvorstellungen, Riten, Mythen, Kosmologie) und sozio-religiöser Vorstellungen (Seelen-, Krankheitszeigen auf, ob eine Gesellschaft das Weibliche als eigenständige kreative Macht anerkennt, in welchen symbolischen (und realen) Handlungsspielräumen Männer und Frauen agieren, ob Frauen wichtige Positionen in Riten und/oder Versammlungen innehaben, welche Möglichkeiten von Einflussnahme den Frauen zur Verfügung stehen, und wie weibliche/männliche Identitäten konstruiert werden (vgl. Mader 1994, 2001).
Studien über Status und Position der Frauen tendieren dazu, diesen Teilaspekt einer Kultur herauszuheben und losgelöst vom gesellschaftlichen Ganzen zu untersuchen unter Vernachlässigung der Analyse einer Kultur in ihrem Gesamtkontext. Soziale Konstruktion und Interpretation von Geschlecht sind aber immer nur ein Teil des integralen Gefüges von Weltsicht/Weltbild, Individuum und Gesellschaft. Die Vernetzheit der verschiedenen Bereiche einer Kultur und ihre strukturelle Interdependenz wird am Beispiel der Tarahumara deutlich.
Als kleinen Ausschnitt aus dieser vernetzten Vielheit möchte ich die Tarahumara-Kosmologie vorstellen und aufzeigen, wie bestimmte soziale Verhältnisse und Beziehungen darin kodiert sind. Das Geschlechterverhältnis ist nur eines unter vielen. Ihre abstrahierte Darstellung kann nie den real gelebten Beziehungen in ihrem jeweiligen und ganz persönlichen Facetten-Reichtum und ihrer Komplexität gerecht werden.
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