Amerika wurde ab 1492 als abhängiger Raum in die europäische Wirtschaft integriert. Der Norden konnte sich aus dieser Abhängigkeit befreien und im Laufe des 20. Jahrhunderts zur einzigen Weltmacht aufsteigen. Lateinamerika gelang dies nicht; der Kontinent blieb auch im Selbstverständnis “rückschrittlich”, während Europa den Fortschritt verkörperte (Lehmann 1990: 1). Der in den USA entwickelte Begriff “Lateinamerika” wies lange Zeit bloß einem bestimmten geographischen Raum einen Namen zu (Furtado 1976: 1).
Doch um die Mitte des 20. Jahrhunderts begann eine Gruppe junger ForscherInnen, den eigenen Kontinent zu entdecken. Im Rahmen der CEPAL (Comisión Económica para America Latina, die UN-Kommission für die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas; englisch: ECLA – Economic Commission for Latin America www.eclac.cl) entstand die erste eigenständige Theorieproduktion des Südens, die auch im Norden zur Kenntnis genommen werden musste (vgl. Todaro 1996). Im Einzelnen kann zwischen dem Strukturalismus der Cepal mit den beiden herausragenden Vertretern, Raúl Prebisch und Celso Furtado, der Dependenztheorie von André Gunder Frank und Rui Marini und dem historisch-strukturellen Ansatz von Fernando Henrique Cardoso und Enzo Faletto unterschieden werden. |