Die Sozialökologie, auch Chicagoer Schule genannt, liefert eine der älteren Erklärungen sozialräumlicher Differenzierung in der Stadt. “Wie in der Natur eine Spezies eine andere als dominante in einem bestimmten Gebiet ablöst, so ändert sich auch in der menschlichen Gemeinschaft das Muster der Landnutzung, wenn neue Konkurrenten in bereits “besetzte” Gebiete eindringen – Konkurrenten, die besser den veränderten Umweltbedingungen als die dort existierenden Menschen angepaßt sind. Ein solcher Prozess der Invasion und der Sukzession schlägt sich in der menschlichen Gemeinschaft in Veränderungen des Bodenwertes nieder, in dem Sinne, dass der Konkurrenzkampf um begehrte Standorte den schwächeren Benutzer (z.B. die Wohnbevölkerung) hinausdrängt” (Saunders 1987: 61).
Interdependenzen und Dominanz spielten in der Sozialökologie von Anfang an eine wichtige Rolle. Da diese aber als universell gültig hingestellt werden, gewinnen diese räumlichen Selektionsmechanismen einen natürlichen Charakter. So weist die Theorie von allem an Anfang ein Naheverhältnis zu biologistischen Erklärungen auf. Es ging darum, wie sich Bevölkerungen ihrer Umwelt anpassen. Später verschob die Theorie ihre Zielsetzung hin zur statistischen Auswertung empirischen Materials. Ausgehend von Betrachtungen der städtischen Bevölkerungsverteilung nach Dichte und Sozialstruktur, wurden Gebiete innerhalb von (nordamerikanischen) Städten identifiziert, die sich bezüglich bestimmter Grund- und Aufrißformen und soziologischer bzw. funktionaler Merkmale als relativ homogen erwiesen. So kann z.B. oftmals eine “natürliche” Ballung ethnischer Minderheiten oder bestimmter Bevölkerungsgruppen in bestimmten Stadtteilen beobachtet werden. Mittels ausgefeilter Statistikmodelle, insbesondere der Faktorenanalyse, können Regelmäßigkeiten in der Siedlungsstruktur exakt beschrieben werden. Es kann Evolution erfasst und es können Funktionen benannt werden, ohne jedoch die Dynamiken und Strukturen zu erklären, die diesen räumlichen Mustern zugrundeliegen.
“Es ist eine Theorie des Status quo, die die existierenden soziale Arrangements dadurch unterstützt, daß sie sie als Ergebnis invarianter Prinzipien erklärt” (Saunders 1987: 83). Exakter formuliert ist es eine Theorie, die statistische Regelmäßigkeiten offenlegt, die für unterschiedlichste Machtstrategien und staatliche Interventionen genutzt werden kann. In diesem Sinne ist die Theorie neutral gegenüber den herrschenden Machtverhältnissen. |