Albert Hirschman (1958: 65) entwarf eine Theorie, wonach Entwicklung als eine Kette von Ungleichgewichten zu verstehen sei. Die neoklassische Vorstellung, wonach der Markt für eine sozial und räumlich ausgeglichene Entwicklung sorge, weist er als unrealistische Gleichgewichtskonzepte zurück. Er sieht Pole als sich gegenüberliegende Endpunkte einer Achse, er erfasst Polarisation als ein räumlich sichtbares Ergebnis, als das Entstehen von Gegensätzen, die sich auf verschiedenen räumlichen Ebenen manifestieren. Es kann dies gleichermaßen der Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie, Nord und Süd, Ballungsraum und Umland sein.
Effekte, die vom Norden ausgehen, und für den Süden günstig sind, nennt er Trickle-down oder Sickereffekte, denn durch sie verbreitet sich das Enwicklungsniveau des Nordens im Süden. Zu diesen Sickereffekten zählen nördliche Käufe (von Primärgütern) genauso wie Direktinvestitionen im Süden, die Arbeitsplätze schaffen. Trickle-down-Effekte sind besonders dort zu erwarten, wo es zwischen Nord und Süd Komplementaritäten gibt. Es gibt jedoch in der Beziehung von Nord und Süd auch Polarisationseffekte. Aufgrund ihrer Erfahrung, Größe und der Qualifikation der Angestellten stellen Unternehmen aus dem Norden für die Produzierenden im Süden oftmals eine übermächtige Konkurrenz dar. Ohne nationalen Schutz sind Industrien vor Ort oftmals nicht konkurrenzfähig. Ein weiterer wichtiger Polarisationseffekt liegt in der Tendenz, selektive Migration auszulösen, die dem Süden gutausgebildete und/oder junge unternehmerische Leute entzieht (Schilling-Kaletsch 1976: 35).
Hirschman untersucht mit seinem Konzept der Trickling-down (Sicker)- und Polarisationseffekte, wie die gegensätzlichen Pole aufrechterhalten werden. Die von ihm gefundene logische Antwort lautet, dass sie sich dann verstärken, wenn die Polarisationseffekte stärker sind als die Sickereffekte. Daher “besteht die Aufgabe staatlicher Politik darin dazu beizutragen, dass die Trickling-down (Sicker)- gegenüber den Polarisationseffekten die Überhand gewinnen” (Schilling-Kaletsch 1976: 37).
Das Ziel der Entwicklungsbemühungen besteht für Hirschman darin, Wachstumsimpulse zu induzieren, welche von einem Zustand der Unterentwicklung wegführen. Hierbei kommt der unternehmerischen Initiative eine Schlüsselrolle zu. Unterentwicklung ist für Hirschman keine Situation des Mangels an Ressourcen, sondern resultiert aus Organisationsproblemen: “As long as one thinks in terms of a missing component, be it capital, entrepreneurship, or technical knowledge, he is likely to believe that the problem can be solved by injecting that component from the outside or by looking for ways and means of producing it within the country. If one concentrates instead on the need of “binding agents” which is to bring together various scattered or hidden elements, the task becomes vaguer, to say the least, and may well turn out to be more complex” (Hirschman 1958: 7). Hirschman sieht das zentrale Problem in der Organisation von Enticklung. Dies kommt dem heute weit verbreiteten prozessorientierten Zugang nahe, wie er sozialliberalen Erklärungen zugrundeliegt, bei denen vernetztes Regieren (Governance) als Hoffnungsträger organisierter Entwicklung erscheint. Hirschman geht es vor allem um die unternehmerische Fähigkeit und darum die Verständigung zwischen Akteuren herbeizuführen, um Prozesse in Gang zu setzen (Hirschman 1958: 17).
Seine Entwicklungsvorstellung hat Ähnlichkeiten mit Schumpeter, der von Prozessen “kreativer Zerstörung” spricht. Hirschman geht von einem Staat aus, der die private Eigeninitiative ermöglichen soll (enabling state). Anfang Anfang der 1960er Jahre beteiligte er sich an der Fortschrittsallianz von Kennedy, welche auf eine ausgleichsorientierte kapitalistische Entwicklung setzte. Diese harmonieorientierten Theorieansätze, welche Entwicklung nicht als Totatlität, d.h. als widersprüchliche Einheit, erkannte und damit die Tragweite von Konflikten unterschätzte, sollten durch die Diktaturen in Lateinamerika, die Kapitalismus und Autoritarismus verbanden, schon bald schwer erschüttert werden. Diesen gelang es nämlich Wirtschaftswachstum trotz steigender sozialer Ungleichheit zu erzielen. Hirschman ist somit gleichsam ein Vorläufer der heute weitverbreiteten sozialliberalen Gesellschaftsvorstellung,welche mit ählichen praktischen Problemen konfrontiert sind wie die Fortschrittsallianz. |