Gunnar Myrdal entwickelte eine interdisziplinäre Theorie, um die wachsende Kluft zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern zu beschreiben. Er wendete sich gegen die Laissez-faire Vorstellung einer automatischen und harmonischen Stabilisierung sozioökonomischer Systeme.
“Die wichtigste Idee, die ich hierbei zum Ausdruck bringen will, liegt darin, dass das freie Spiel der Kräfte gewöhnlich eher zu einer Vergrößerung als zu einer Verkleinerung der Ungleichheiten zwischen verschiedenen Regionen führt” (Myrdal 1974: 17).
Er stellte sein dynamisches Konzept dem neoklassischen Modell entgegen, in dem der Markt immer ein gesellschaftliches Gleichgewicht herstellt. Zirkuläre Prozesse können zu sich selbst verstärkenden Veränderungen in die gleiche Richtung führen. Das Konzept der kumulativ-zirkulären Prozesse veranschaulicht das Wesen von Entwicklungsprozessen als tendenziell polarisierend. Es erlaubt, Entwicklung als einen widersprüchlichen Prozess zu verstehen, der den Ausgleich von Unterschieden als unwahrscheinlich erscheinen lässt. So beschreibt Myrdal, wie das Schließen einer Fabrik zur Folge hat, dass die Kaufkraft vor Ort sinkt. Einige Arbeitslose werden abwandern und es wird dem lokalen Handel unmöglich sein, sein Beschäftigungsniveau zu halten. Weitergehende Verelendung wird die Folge sein. Gegen diese regionalen Entzugseffekte gibt es nur ein Heilmittel: staatliche Intervention.
“Der Ausdruck Staat wird hier so verwendet, dass er alle organisierten Eingriffe in die Marktkräfte umfasst. Die Rechtfertigung dieser Terminologie liegt in der Tatsache, dass in modernen Zeiten der Staat der wichtigste Ausdruck der organisierten Gesellschaft wurde und sich als Kontrollinstanz für praktisch alle Eingriffe durch andere Institutionen und Machtgruppen eines Landes etablierte” (Myrdal 1974: 50).
Mrydal sieht den Staat ähnlich wie die CEPAL als neutralen Schiedsrichter, der für das Allgemeinwohl sorgt. Damit steht er in der Tradition eines Fortschrittsdenkens, wonach Gesellschaft gleich einer Maschine steuerbar sei. Wissenschaftstheoretisch liegt diesem Ansatz der Positivismus zugrunde, welcher zur politischen Praxis der Sozialtechnik führt. ExpertInnen planen die Überwindung von Polarisation (Novy 2002). |