Zunächst sei darauf hingewiesen, dass die Werke von Pablo Amaringo nicht in einem künstlerischen Vakuum entstanden sind. Vielmehr gibt es in Pucallpa als auch in Iquitos eine lange Tradition, amazonische Landschaften nach westlichen Mustern zu malen, die man vor allem in Restaurants, Hotels oder an öffentlichen Plätzen ausgestellt findet. Und dennoch drücken die Visionen von Amaringo etwas Neues aus, thematisch als auch formal. Trotz der offensichtlichen Distanz zwischen Amaringos Bildern und der indigenen amazonischen Kunst (Töpferei, Textilien, Körperbemalungen etc.), lässt sich ein deutlicher Einfluss der außerordentlich reichen Shipibo-Tradition in ihren bunten und raffinierten geometrischen Designs feststellen. Luna ist weiters überzeugt, ebenfalls den Einfluss spanisch-religiöser Kunst in den Visionen zu erkennen, insbesondere bezogen auf die Art und Weise, wie Amaringo das Problem der Darstellung aufeinanderfolgender Ereignisse innerhalb eines Bildes bei gleichzeitigem Aufrechterhalten der strukturellen Einheit löst.
Allgemein wird seiner Malerei ebenfalls nachgesagt, dass sie orientalisch-östliche Elemente beinhalte. Die Erklärung von Pablo Amaringo selbst bezüglich der unterschiedlichen und vielfältigen Quellen in seinen Visionen ist kurz und an sich sehr einfach: Sie rühren alle von seinen Visionen her, die ihn zu den unterschiedlichen Orten der Welt reisen ließen und ihm Babylonien, Persien, Ägypten, Indien, die Mongolei, China und das alte Mexiko zeigten (Luna / Amaringo 1991:17, 30).
Formal gesehen erfassen die Bilder und Gemälde von Amaringo die Pflanzen, Tiere und Geomorphologie des amazonischen Regenwaldes auf das Genaueste. Seine im Detail gezeichneten Landschaften stellen Orte dar, die er bereits lange Zeit nicht gesehen hat. Er verfügt über ein klares photographisches Beobachtungsgedächtnis und gleichzeitig haben seine Arbeiten etwas poetisch-dichtendes. Die unter dem Einfluss von Ayahuasca hervorgerufenen Visionen aus seiner Zeit als vegetalista sind in seinem Gedächtnis gespeichert. Amaringo ist überzeugt davon, dass Ayahuasca ihm die richtige Farbzusammenstellung zeige, um die schönsten und feinsten Nuancen zu kreieren (Luna / Amaringo 1991:17). Schlussfolgernd wirkt die „Liane der Seele“ in Amaringo in veränderter Art und Weise weiter; sie lehrt ihm nicht mehr das Heilen, sondern unterstützt ihn bei der Entfaltung seiner künstlerischen Fähigkeiten. |