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Kultur, Raum, Landschaft. Fachseminar SS 2003 - Elke Mader und Ernst Halbmayer
 
Studierende des Interdisziplinären Lehrgangs für Höhere Lateinamerika Studien
Österreichisches Lateinamerika-Institut
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 up 2 Weltbild, Mythos und Schamanismus
 up 2.1 Schamanische Visionen und Malerei im Amazonasgebiet - Franziska Schmidtkunz

2.1.2 Schamanismus und vegetalismo im peruanischen Amazonasgebiet

Die enorme biologische Vielfalt im Wasser und in den Wäldern des Amazonaseinzugsgebietes begründet den dortigen vollendeten Gebrauch pflanzlicher Halluzinogene. Die Geister der selva (z.B. von Pflanzen, Tieren, Orten und Vorfahren) als Ausdruck einer humanisierten Natur bilden oftmals das Geheimnis der mythischen (Vor-)Zeit indigener Völker, die bis heute in Erinnerung geblieben ist und die mittels der Einnahme von beispielsweise Ayahuasca (regional anderer ver-wendete Begriff ist Yajé) wieder belebt werden kann (Urrea / Zapata 1995:200f). Grundsätzlich wohnen diese Geister in bestimmten Pflanzenarten und in den riesigen Bäumen, die als besonders mächtig angesehen werden und dichtgedrängt bis hinunter an die Flüsse stehen. Oftmals werden diese spirituellen Kräfte auch als „Luft“, „Windstoß“, „Macht“ oder als das „Wirken“ bezeichnet, was den dynamischen Charakter dieser Wesen unterstreicht (Vitebsky 1996:26; Luna / Amaringo 1991:13).

Indigene SchamanInnen am Oberen Amazonas und mestizische vegetalistas sind der Überzeugung, dass sie ihre Fähigkeiten und Kräfte von bestimmten - oft psychoaktiven - PflanzenlehrerInnen haben, die oftmals auch als madres („Mütter“) bezeichnet werden (siehe z.B. Chaumeil 1998:101-107 für die Yagua). Das Wissen, vor allem das medizinische Wissen, besitzen folglich die Pflanzen selbst. Die SchamanInnen oder vegetalistas treten hierbei allerdings in der Funktion eines Vermittlers der Informationen auf, weil sie mittels der Einnahme psychotropischer Pflanzen an diesem Wissen teilhaben können. Bei den Shipibo z.B. stimmen diese Halluzinogene mit der Kategorie von Pflanzen überein, die als muraya-cai = “shaman makers“ bekannt sind (Gebhart Sayer 1986:203 zit. in Luna / Amaringo 1991:13).

Weiters kommt den Pflanzen im schamanischen Bewusstsein das Vermögen zu, die „reale“ Welt zum Vorschein kommen zu lassen, während die „normale“ Welt oftmals als illusorisch angesehen wird (Luna / Amaringo 1991:12f). Durch ihre Einnahme übernehmen die SchamanInnen die geistigen Fähigkeiten der Pflanzen und bekommen Zugang zu ihrer Welt, was wiederum zur Integration der Gemeinschaft beiträgt und nicht die Entfernung der SchamanInnen von der Gemeinschaft bedeutet (Vitebsky 1996:85). In diesem Zusammenhang bilden das Phlegma (zu übersetzen am Besten mit „Kraft aus dem Magen“) der indianischen SchamanInnen und die icaros (Gesänge) der vegetalistas die Quintessenz schamanischer Macht. Beides repräsentiert die Übertragung der Seele oder des Geistes der Pflanzen mit all ihrem Wissen und ihren therio-morphen und anthropomorphen Erscheinungsformen auf die SchamanInnen (Luna / Amaringo 1991:13).

Der Gedanke mehrerer Welten darf allerdings nicht missverstanden werden. Wenn SchamanInnen von anderen Welten sprechen, meinen sie nicht, wie Vitebsky betont (1996:8), dass diese von der Alltagswelt getrennt sind, sondern vielmehr repräsentierten jene Welten die wahre Natur der Dinge und somit die wahren Ursachen der Ereignisse in dieser Welt. Perrin (1995:2f) schreibt diesbezüglich, dass oftmals diese mundo otro („Welt der Anderen“) mit einem Wort assoziiert wird, welches mit sagrado („heilig“) übersetzt werden könne. Es handelt sich also eher um Ebenen, Schichten oder Sphären ein und derselben Welt. Diese zu erfahren und sie zu bereisen ist bestimmten Personen der indigenen Gemeinschaft oder der mestizischen Gesellschaft vorbehalten, die im Sinne Perrins während ihrer schamanischen Tätigkeit zu „Geheiligten“ werden.

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