Ein Gegenansatz zu der Theorie der räumlichen Prägung eines Ortes durch seinen umgebenden also lokalen Raum können Orte auch in einen globalen Kontext gebracht werden. Durch die Überlagerung von Relativräumen (Def. Siehe unten) kommt es zur Bildung von speziellen Orten, die für eine bestimmte Gruppe an Menschen die gleiche Funktion erfüllen. Zum Beispiel Wallfahrtsorte oder Hippiesiedlungen seien hier genannt.
Unter Relativräumen sind mental maps (Vgl. LYNCH, K.,1970, Das Bild der Stadt, Frankfurt) zu verstehen, in denen nicht die Grenzen und die Wege den Raum für einen Menschen definieren, sondern die Funktion der Orte als Orientierungspunkt im Raum dient. Ein Beispiel für die Abgleichung dieser Relativräume ist das Sprichwort: laß doch die Kirche im Dorf. Menschen leben allerdings gleichzeitig in einer Vielzahl von Relativräumen. Die relativen Raumstrukturen, die sich aus den Überlagerungen dieser Raumvorstellungen ergeben, steuern eine Vielzahl von Entscheidungen. Erst das Wissen über die Struktur aller möglichen Raumvorstellungen kann räumliches Verhalten erklären.
Bei der Untersuchung von Relativräumen haben Geographen etliche neue Raumbezüge kennengelernt, die sich gut in theoretische Betrachtungen von bekannten Zusammenhängen der Humangeographie einbinden ließen. Es wurden gewöhnlich zwei Formen von Relativräumen unterschieden (vgl. BRAUN 1978): Zentrierte Relativräume: Hier beziehen sich die Distanzen der Raumeinheiten auf ein Zentrum (läßt sich durch Isolinien darstellen) und Nicht-zentrierte Relativräume: Die betrachteten Raumeinheiten befinden sich in relativer Lage zueinander. Die relative Lage eines jeden Raumpunktes ist durch die Beziehung zu allen anderen Raumpunkten gegeben. Die Darstellung solcher Relativräume ist durch Verfahren der Trilateration (geometrische Annäherung) vorzugsweise unter Zuhilfenahme von Computern möglich.
Relativräume sind jedoch nicht konstant. So wie sich Technologien im Zeitverlauf entwickeln, verändern sich auch andere Variablen im Raumkontext. Individuelle Raumwahrnehmung verändert sich z.B. nicht nur beim heranwachsenden Kind, sondern auch im Zusammenhang mit dem Bildungsgrad und der (Möglichkeit zur) Mobilität. Einen wesentlichen Einfluß auf Mobilität hat bekanntlich auch das Einkommen. Da die Höhe des Einkommens keine absolute Konstante ist, sind mit Veränderungen des Einkommens auch Veränderungen im Relativraum einer Person zu erwarten.
Relativraumkonzepte sind allgegenwärtig und wirken zugleich fremdartig. Dabei ermöglichen gerade graphische Abbildungen von Relativräumen visuelle Analysen, die in der Darstellung des Absolutraumes nicht denkbar wären. Neben inhaltlichen begründeten Verzerrungen der Darstellung sowie Ergebnissen kognitiven Kartierens sind es vor allem Ansätze der humangeographischen Analyse, die Relativräume berücksichtigen müssen. Genannt seien hier insbesondere die Landnutzungsmodelle, die Wanderungsmodelle, Untersuchungen von Diffusionsprozessen sowie die Epidemiologie. Wirtschaftlich bedeutend wird zunehmend eine weitere Eigenschaft nicht-materieller Räume: Die Topologische Nähe (z.B. von Information), die sich über Interaktionshäufigkeit messen und darstellen lässt. (http://www.cybergeography.org) |