Logo
Kultur, Raum, Landschaft. Fachseminar SS 2003 - Elke Mader und Ernst Halbmayer
 
Studierende des Interdisziplinären Lehrgangs für Höhere Lateinamerika Studien
Österreichisches Lateinamerika-Institut
Home
Sitemap
Vorherige
Nächste
 up 1 Theoretische Perspektiven
 up 1.1 Die unterschiedliche Organisation von Raum - Peter Matzanetz

1.1.9 Prägung traditioneller Kultur- und Sozialräume

Landschaftsräume prägen Kulturräume. Die Besiedlung des Raumes ist in den extremen Klimazonen Lateinamerikas nur in beschränktem Ausmaß vorangeschritten. Die Siedlungen im Süden Argentiniens sind Wüstenblumen gleich, tief verwurzelt und getragen von ihrer Einzigartigkeit. Deren Erhalt wird gesichert durch die Beibehaltung traditioneller Abläufe. Auch wenn die Distanzen der Siedlungen untereinander ein Fehlen räumlicher Bezüge vermuten ließe, ist tatsächlich das Gegenteil der Fall. Über mehrere hunderte Kilometer, läßt sich dort der Nachbarschaftsbegriff aufrecht erhalten.

Die Siedlungsräume gewinnen an räumlicher Identität mit der Größe ihres menschenleeren Umlandes. Solcherart werden aus Siedlungen oder nur ein paar Häusern in Patagonien weltbekannte Orte, die wie Leuchtfeuer in der Landschaft liegen und von Durchreisenden angesteuert werden müssen. Nichts an ihnen ist so besonders wie ihre Lage. An ihnen orientiert sich der Mensch und sie sichern dem Menschen in diesen Räumen sein überleben. Der Raum ist dort so weit, daß er weder überschaubar, noch ohne menschliche Hilfe überwindbar ist. Um in einen anderen Raum mit anderer Prägung zu gelangen, muß man sich auf bestimmte Personen und Abläufe verlassen können. Zum Beispiel habe ich feststellen können, daß Kontakte davon abhängen, ob eine bestimmte Person zu einer bestimmten Zeit mit seinem Fahrzeug die eine oder die andere Richtung ansteuert und daher als Überbringer von Briefen fungieren kann.

Vergleicht man diese Räume mit den Stadträumen der Millionenstädte so muß man feststellen, daß es in Lateinamerika immense Gegensätze in der Raumqualität gibt. Die Existenz in den bereits angesprochenen lebensfeindlichen Räumen spendet sozusagen soviel lokale Identität, daß beispielsweise die indigene Bevölkerung der Andenvölker in uralten Kulturen verhaftet bleiben kann oder muß um an ihrem Ort überleben zu können.

Auf diesem Umstand basierend entflieht derjenige, welcher seine persönlichen kulturellen Werte erhalten will, in existentielle Randgebiete, wie zum Beispiel in eine Pioniersiedlung nach Patagonien. Als die Walieser vorletztes Jahrhundert per Dekret ihre Sprache auf der englischen Insel nicht mehr sprechen durften, orientierten sie sich bei der Wahl ihrer neuen Heimat offensichtlich nicht nach ökonomischen Gesichtspunkten sondern wählten dieses Gebiet am unteren Ende der Welt. Aber auch in unseren Tagen finden sich vereinzelt Aussteiger, die sich an bestimmten entlegenen Orten sammeln.

Einen diametralen Gegensatz dazu stellen die Favelasiedlungen in den Großstädten dar. Dort bilden sich Kulturen, in denen überkommene Traditionen aufgegeben werden oder als Fragmente übrig bleiben. Diese Gebiete bieten nicht genügend Individualität für einen unabhängigen Kulturraum, und sind daher eher relevante Faktoren in einem globalen Kontext. Es ist daher zu vermuten, daß das Erfüllen einer bestimmten Rolle innerhalb des lokalen gesellschaftliche Gefüges weniger bestimmend für das Überleben ist, als die soziale Anpassungsfähigkeit.

Hilfe Seitenanfang
Home Sitemap Suche Bilder Vorherige Nächste

Letzte Aktualisierung dieser Seite:
Öffne externe Links in neuem Fenster?

© Copyright "Lateinamerika-Studien Online"