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Kultur, Raum, Landschaft. Fachseminar SS 2003 - Elke Mader und Ernst Halbmayer
 
Studierende des Interdisziplinären Lehrgangs für Höhere Lateinamerika Studien
Österreichisches Lateinamerika-Institut
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 up 1 Theoretische Perspektiven
 up 1.1 Die unterschiedliche Organisation von Raum - Peter Matzanetz

1.1.6 Städtischen Sozialräume

In Europa erfüllen die öffentlichen Straßenräume in den Zentren die Funktion von Orten der Gegensätzlichkeit bzw. Entgegnung, wo man feststellen kann, wie die Umwelt auf die individuelle Erscheinung reagiert. Die Räume der Innenstädte in Lateinamerika sind hingegen Konfrontationsräume, in denen sich Szenen abspielen, die für unterschiedliche Formen der Selbstdarstellung nicht dienlich sind.

Die öffentlichen Räume sind dort multifunktionell und dienen verglichen mit Europa in größerem Maße als Orte für die Abwicklung informeller Geschäfte, sind Produktionsstätten, Orte der Konfliktaustragung, Aufenthaltsorte für Obdachlose und Orte für Festivitäten um nur einige Kategorien zu nennen.

Die Segregation der Bevölkerung in Räume gleicher sozialer Schichten in den lateinamerikanischen Großstädten ist, aus dieser Perspektive gesehen, nicht nur ökonomisch zu begründen. Mit zunehmender Industrialisierung entwickelte sich eine räumlich-soziale Trennung in von unterschiedlichen sozialen Gruppen geprägte, in sich relativ homogene Wohnviertel bzw. Stadtteile (Vgl. Gerd Kohlhepp, Sao Paulo: Größter industrieller Ballungsraum Lateinamerikas, http://www.lpb.bwue.de/aktuell/bis/2_97/bis972n.htm).
Auch der Mangel an Gelegenheiten der Kontaktaufnahme innerhalb der eigenen Bevölkerungsschicht in den öffentlichen Räumen kann eine derartige Entwicklung fördern.

Diese spezielle Stadtqualität der Vielfalt an sozialen Identifikationsmöglichkeiten kann sich deshalb immer weniger auf den städtischen Raum insgesamt, sondern allenfalls auf einzelne Fragmente beziehen, und sie ist deshalb auch nur für diejenigen, die zu diesen Fragmenten Zugang haben, erlebbar (Wohnghettos der Privilegierten, Die Fragmentierung der brasilianischen Stadt Fallbeispiele aus Rio de Janeiro und São Paulo, von Martin Coy und Martin Pöhler, http://www.matices.de/29/brasilien.htm).

Eine extreme Folge der multifunktionalen Nutzung der öffentlichen Räume ist die schlechte Kontrollierbarkeit bzw. die daraus resultierende Unsicherheit in den Straßen. Auch deshalb werden immer mehr Wohnzonen geschaffen, die komplett von potentiellen externen Nutzern isoliert sind und in denen exklusive öffentliche Räume geschaffen werden, die durch Wachdienste abgesichert sind (gated communities).

Abseits dieser künstlich geschaffenen Ghettos für Wohlhabende gibt es die Armenghettos, in denen der öffentliche Raum ebenfalls privat organisiert ist. Diese fraktale Art von öffentlichen Räumen, wird zum Teil intern verwaltet und ist daher gefährdet von kriminellen Organisationen kontrolliert zu werden.

Jedenfalls entsteht der gleichartige Isolationseffekt der vor fremden Bevölkerungsschichten wie in den Reichenghettos. Am Ende erfolgt in beiden beschriebenen Fällen eine Auslieferung an eine kontrollierende Organisation. Es ist also die Eroberung des öffentlichen Raumes durch private Nutzungen und gegenläufig dazu die Schaffung künstlicher öffentlicher Räume zu beobachten (Vgl. Wohnghettos der Privilegierten: Die Fragmentierung der brasilianischen Stadt Fallbeispiele aus Rio de Janeiro und São Paulo, von Martin Coy und Martin Pöhler, http://www.matices.de/29/brasilien.htm)

Bei der Betrachtung des gesamten Lebensraumes, auch unter Berücksichtigung halb-öffentlicher und privater Räume, ist eine kategorische räumliche Segmentierung durch die Existenz und das Fehlen von Barrieren zu beobachten. Wer sich in der Stadt bewegt, dringt automatisch in Zonen unterschiedlicher gesellschaftlicher Ordnung ein. Es ist schwierig das Bedrohungspotential auf den Straßen abzuschätzen, wenn man nicht weiß, nach welchen Regeln man sich gerade zu verhalten hat.

Die unterschiedlichen räumlichen Widerstände und Leitfaktoren im Infrastrukturnetz sind bestimmend für die Kristallisiation von individuellen Raumnutzungen bzw. bedienen sie sich ihrer. Als Beispiel sei die Nutzung von U-Bahnlüftungsausgängen als Verkaufspulte genannt.

Die Grenze zwischen natürlichen oder künstlichen Barrieren verschwimmen in diesem Zusammenhang. Zum Beispiel gibt es Ausfallstraßen die zwar von dichter Wohnbebauung begleitet sind aber gleich einem Fluß nur über Brücken überquerbar sind. Die Fassaden mancher funktionslos gewordener Gebäuderuinen säumen den Straßenraum wie bewachsene Kalkfelswände. Dazu kommen selektive oder temporäre Grenzen, wie Wachposten vor Banken, Concierges vor Wohnhäusern oder die Rolläden der Geschäfte.

Auf der anderen Seite gibt es Lokale, die sich nach außen öffnen aber optisch unauffällig gestaltet sind und daher Nischen zum anhalten und verweilen darstellen. Die Kirchenräume sind ebenfalls stark mit dem öffentlichen Raum verbunden. Sie sind oft in ihrer ganzen Breite einsehbar und wenn die Rollläden der Geschäfte geschlossen sind, so leuchten die Lichter der Gebetshäuser noch hell in die Straßen und die Worte der Prediger dringen nach außen.

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