Im Zusammenhang mit Städten spricht man generell eher von Gebieten, die im Gegensatz zu Räumen, eine klare Abgrenzung der Siedlung bzw. Bebauung implizieren. Das Stadtgebiet ist u.a. dadurch charakterisiert, daß es viele funktional unterschiedliche Räume gibt und viele Räume bzw. entsprechend viele Barrieren in Form von Bauten konstruiert werden. Derartige Grenzlinien oder Ränder sind linienhafte Stadtelemente, die vom Beobachter nicht (oder nicht nur) als Wege benutzt oder bewertet werden.
Wie bereits festgestellt, ist das Stadtgebiet in manchen lateinamerikanischen Großstädten nicht so leicht abzugrenzen, da die Siedlungen teilweise nahtlos an die Stadtgrenze anschließen. Da sich diese jenseits der Stadtgrenzen auch nicht wesentlich von jenen innerhalb der Stadtgrenzen unterscheiden oder funktional autonom wären, handelt es sich auch nicht um eine Vorstadt im europäischen Sinn. Was daher bleibt um den Zusammenhang zu der Stadt korrekt zu beschreiben, ist die Zuordnung in einen großstädtischen Raum bzw. Eingliederung in einen derartigen Raumbegriff.
Die Raumtypen innerhalb der städtischen Landschaft differieren natürlich auch stark im latino-europäischen Vergleich. Das hängt primär mit der Gestaltung des städtischen Grundrisses und mit den Bauformen zusammen. Dabei stehen die klaren Gitternetzstrukturen des Stadtgrundrisses („reticulo“) als leicht organisierbare und kategorisierbare Grundstruktur im krassen Gegensatz zu natürlichen Geländeformen und Grenzen, die beispielsweise Flüssen und Bergen eigen sind. Aber auch höherrangige Verkehrswege verursachen starke Brüche in diesem dekonstruktivistischen Raumkonzept. Solcherart entstehen einerseits sich wiederholende Raummuster und andererseits schlecht einordenbare Restflächen, die dann von gesellschaftlichen Randexistenzen in Beschlag genommen werden.
Heute wird die Okkupation von ungenutzten öffentlichen Grundstücken, von Parks, Flußufern, Brückenböschungen und Hochstraßen, im Umfeld von Flughäfen und Müllhalden aus Mangel an Alternativen und zur Vermeidung gewaltsamer Reaktionen der Betroffenen zumeist geduldet. In São Paulo sind 65 % des städtischen Wohnraums auf illegale Weise entstanden (Mautner, 1992, in: Sao Paulo: Größter industrieller Ballungsraum Lateinamerikas, Von Gerd Kohlhepp, http://www.lpb.bwue.de/aktuell/bis/2_97/bis972n.htm)
In den europäischen Raumkonzepten unterstehen die Freiräume einem eigenen Planungsregime. Es gibt eine Tendenz, wenn nicht in einem künstlerischen dann in einem gestalterischen Sinn, dem Außenraum eine Aufenthaltsqualität zu geben oder diesen zumindest über die Gestaltung der Bebauung zu formen. Die Negativflächen bekommen sozusagen eine eigene Qualität, und letztendlich eine Identität während in der lateinamerikanischen Stadt der freie Platz tendenziell ein funktionales Sammelbecken ohne Anspruch auf spezielle Nutzungen oder Nutzer darstellt.
Die Plätze der europäischen Großstadt spiegeln die jeweiligen Planungsregime der Epochen wider. Das ist in der Lateinamerikanischen Stadt eher nicht der Fall, weil sie sich inhaltlich ständig überformt und gleichzeitig strukturell ihrem Ursprungskonzept nämlich dem Gitternetzprinzip treu geblieben ist. |